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Wo, bitte, sind hier die Kopftücher?

Kategorie: Hessische Theatergespräche
Veröffentlicht am Freitag, 08. April 2011 22:59

In Marburg wurde bei den 4. Hessischen Theatergesprächen über das Verhältnis von „Migration und Theater“ diskutiert. Manch einer aber wurde dabei vermisst.

Von Max Balzer

Marburg – Fremd ist der Fremde nur in der Fremde, soll Karl Valentin einmal gesagt haben. Aber wo das Theater ist, das weiß auch die Kellnerin am Marburger Rathausplatz nicht. Nun ja, die Sonne scheint. Buchläden, Fachwerkfassaden und Kopfsteinpflaster. Irgendwer wird den Weg schon weisen können.

„Das Landestheater?“ Der dritte Passant, distinguiert mit Stock und Hut, verweist aufs nahe Bürgerhaus. Da hänge ein Stadtplan.

Tatsächlich liegt das Hessische Landestheater weit draußen. Das Gebäude ist kein architektonischer Blickfang. Der Saal, in dem sich schon ein kleines Publikum versammelt hat, weckt Erinnerungen an Schulzeiten. An seiner Breitseite zwei zusammengerückte Tische – dort ist Prof. Dr. Wolfgang Schneider von der Universität Hildesheim eben dabei, die Diskutanten zum Thema „Migration und Theater“ vorzustellen: Matthias Faltz, Intendant des Hessischen Landestheater und Initiator der Hessischen Theatergespräche, außerdem Azar Mortazavi, Dramatikerin aus Berlin mit Migrationshintergrund, und Rusen Kartaroglu, Theaterpädagoge mit Schwerpunkt ‚Interkulturelle Arbeit’. „Auch er mit Migrationshintergrund“, sagt Schneider dazu, um nachzuhaken: „Sagen Sie, nervt Sie das nicht?“

Kartaroglu wiegt den Kopf. „Ich muss ehrlich sagen, ich habe von meinem Migrationshintergrund durchaus schon profitieren können“, sagt er. „Interkulturelle Arbeit“, das habe am Staatstheater Karlsruhe zu Anfang bedeutet, „Ausländerkontakte zu knüpfen“. So stehe es in seinem Vertrag, so habe man angefangen. Seine spätere Arbeit in Schulen und Jugendclubs habe sich dann wenig von dem unterschieden, was andere Theaterpädagogen machen. Natürlich brauche man zur „Interkulturellen Arbeit“ interkulturelle Kompetenz, aber die bringe er ja von Geburt an mit.

Mortazavi hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Schnell würden ihre Stücke auf das reduziert, was sie mit dem kulturellen Hintergrund der Autorin verbände. Nicht selten frage man sie dann: „Ist es denn wirklich so schlimm?“, wenn sie über Rassismus oder das Unverstandensein in Deutschland schreibe. Dabei spiele ihr biographischer Hintergrund, wie bei anderen Künstlern, selbstverständlich auch für sie eine Rolle. Entscheidend sei aber, dass darüber hinaus etwas zum Ausdruck komme. „Es geht darum eine Form zu finden und eine Sprache“, sagt sie, „Und dann macht man auch die Erfahrung, dass vollkommen fremde Menschen auf einen zukommen und sagen: ‚Das habe ich ganz ähnlich erlebt.’“ Das freue sie dann besonders, sagt Mortazavi.

Faltz knüpft an diesen Gedanken an: „Ich finde Theater spannend, das gewisse Räume lässt, die jeder Zuschauer füllen und besetzen kann“, sagt er. Dabei könne es allerdings nicht darum gehen, sozialpolitische Probleme auf der Bühne zu lösen. Somit seien für ihn Stücke, die sich in erster Linie mit den Belangen einer bestimmten Bevölkerungsschicht auseinandersetzten, weniger interessant.

„Aber da liegt doch schon das Problem“, entgegnet Mortazavi, „Warum sollte das Thema Migration nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht betreffen? Warum dieses Schubladendenken? Geht das nicht uns alle an?“

„Natürlich, geht es uns alle an“, sagt Faltz. Und keine Frage: Geschichten, die von Migration erzählten, könnten auch so genannte ‚Herkunftsdeutsche’ berühren. Andererseits gebe es großartige Stücke, die sich keineswegs das Thema Migration auf die Fahnen geschrieben hätten, und doch in außergewöhnlicher Weise über Fremdheit, Flucht oder Ausgrenzung reflektierten.

„Also“, sagt Schneider: „Butter bei die Fische! Wie läuft das hier in Marburg? Wäre für euch ein Stück wie Mortazavis ‚Todesnachricht’ interessant? Gibt es beispielsweise eine bestimmte Spielplanposition, die dem Thema Migration gewidmet ist?“

Nein, sagt Faltz, die gebe es nicht. Natürlich nehme man sich auch in Marburg dem Thema Migration an. So habe man in der letzten Spielzeit das Jugendstück „Hier geblieben!“ zur Aufführung gebracht, das sich mit der Abschiebung von Kindern und Jugendlichen auseinandersetze. Nur wehre er sich gegen den Gedanken, dass man mit Quoten oder festen Plätzen im Spielplan, einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe ihr Recht verschaffen könne. Theater entstehe vor allem im Ensemble. Seine Aufgabe als Intendant sei es, Menschen zusammenzubringen, die miteinander erfolgreich etwas auf die Bühne bringen könnten. Wo diese Menschen dann herkämen, welche Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit sie hätten, sei zweitrangig. Hinzu komme die Frage: Für welches Publikum, in welcher Stadt spielen wir? Was ist hier wichtig? Was muss hier angesprochen werden? Dies seien Fragen, die in Marburg anders beantwortet werden müssten, als beispielsweise in Berlin-Neukölln.

Kartaroglu ist da anderer Meinung: „Ich wünsche mir, dass die Theater mehr Autoren mit Migrationshintergrund an die Häuser holen und ihre Stücke spielen.“ Denn gerade Künstler mit Migrationshintergrund – ob nun Autoren, Regisseure oder Schauspieler – seien in der Lage ihre Geschichten zu erzählen. Und das ohne Klischees. Leider seien diese Menschen an deutschen Theatern noch immer eine Seltenheit. So habe es ihn sehr gewundert von einem türkischstämmigen Schauspieler im Marburger Ensemble zu hören. In der Regel sei das Attribut ‚türkischstämmiger’ noch immer gleichbedeutend mit ‚freier’ Künstler.

Ein junger Mann aus dem Publikum widerspricht dieser Beobachtung. Er ist Leiter der Kommunikation am Stadttheater Gießen und hat selbst iranische Wurzeln. „Bei uns im Haus“, sagt er, „arbeiten Menschen aus über 60 Nationen.“ Man müsse ja nur das Bühnenjahrbuch durchblättern, um zu sehen, wie viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte an den verschiedenen Theatern tätig seien. Allein, es mangele noch an Vernetzung. So habe er von dieser Podiumsdiskussion, die ihn doch persönlich beträfe, nur zufällig erfahren. Daran müsse sich etwas ändern. Um endlich wahrgenommen zu werden, müsse man stärker in den Dialog miteinander treten. Was ihm aber vor allem Kopfzerbrechen bereite, sei die Monokultur des Publikums: „Wo sind die Kopftücher im Theatersaal?“, fragt er, um selbst zu antworten: „Die sieht man nicht!“

Eine Frau mittleren Alters, die neben ihm Platz genommen hat, ergänzt: Viele kämen im Theater nicht vor. „Weder auf, noch vor der Bühne.“ Die Kluft, die zunehmend die Gesellschaft spalte, ziehe sich auch durch die Bühnen- und Zuschauerräume: So gesehen habe das Wort von Karl Valentin: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ nur mehr bedingt seine Berechtigung. Auch manch einer, der keinen Migrationshintergrund habe, fühle sich fremd in dieser Gesellschaft: Arbeitslose, Alleinerziehende, Pubertierende usw. Somit könne das Thema Migration auch als Metapher aufgefasst werden, für die vielen, die sich manchmal hier unverstanden fühlten. „Unterm Strich also“, sagt sie, „bin ich ganz der Meinung meiner Vorredner: Bringt endlich diese Geschichten auf die Bühne!“