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Zwischentöne. Tag drei der Mülheimer KinderStücke 2012

Musikstücke im Theater möchten die Wahrnehmung von Zuschauern formen. Denn wer könnte sich jemals gegen die emotionalisierende Wirkung von Musik wehren? Eine Ausschmückung, ein Beiwerk, ein Sog-Instrument für das Publikum, wenn Worte oder szenische Handlungen keinen Halt mehr finden.

Szenenfoto "Schlafende Fische?"
(c) struck-foto

Dieses gefährlich dankbare Instrument fand im Rahmen der Mülheimer Kinderstücke 2012 gleich zweimal innerhalb der Behandlung eines ohnehin stark emotional aufgeladenen Themas hinreichend Verwendung; das Saarbrückener Theater Überzwerg gastierte dort mit dem Kinderstück „Zur Zeit nicht erreichbar“ von der Autorin und Regisseurin Petra Wüllenweber, in dessen Handlungsverlauf die Mutter zweier Kinder nach einem Autounfall durch Komplikationen im Krankenhaus stirbt, woraufhin die Großmutter sich zum engen Familienleben dazugesellt. Jens Raschke trug im Kieler Theater im Werftpark die Inszenierung seines Stückes „Schlafen Fische?“ an ein Theaterpublikum ab acht Jahren heran, worin sich ein zehnjähriges Mädchen (Bettina Storm) mit dem frühen Krebs-Tod ihres kleinen Bruders auseinandersetzt.


Jene funktionierende Mitte zwischen den Fehlwirkungen falscher Rührseligkeit und anmaßend ausgestelltem Pragmatismus in Bezug auf derlei tiefgehende Problemzonen der Menschlichkeit wie Verlust durch Ableben, stellt eine Herausforderung für Macher von Kindertheater dar; dazu gehört auch die Auswahl von Musikstücken innerhalb der Inszenierung.

In Wüllenwebers „Zur Zeit nicht erreichbar“ geschieht derlei durch eher fließende Lounge-Musik und wird nach dem Ableben der Mutter durch düster-bedrohliche Töne ersetzt; deren Einsatz trägt eine höchst simple Funktion inne: Schmuck für die Übergänge zwischen einzelnen Szenen. Durch den die Stimmung enorm aufladenden Effekt, den die Klänge auch verfolgen, wird Wüllenweber zudem die Arbeit abgenommen, mit ihren Texten und ihren Ideen innerhalb der szenischen Umsetzung für Emotionen zu sorgen. Ein Titel von Lady Gaga, der zu einem späteren Zeitpunkt als Choreographie-Begleitung für zwei der Figuren eingesetzt wird, ergänzt zwar inhaltlich ein auch ansonsten im Stück stets verfolgtes Motiv des gescheiterten Versuchs, mit jemandem zu telefonieren, ist aber nur kurz und unmotiviert, ohne noch einmal aufgegriffen zu werden, in das Stück eingestreut. Dies geschieht auch mit einem Song von Radiohead. Das Fehlen von inhaltlichen Bezügen erzeugt den Verdacht fehlender Reflexion von Seiten der Produktion.

In „Schlafen Fische?“ werden mehrere Musikstücke verwendet, doch diese ähneln sich, sind durchweg instrumental und können wohlwollend als eine vertonte Gefühlswelt des Mädchens verstanden werden. Hierin ist zumindest eine Funktion innerhalb der inhaltlichen Auseinandersetzung erkennbar. Dass die Unterschiede der Musiken sich vor allem auf deren Tempo und konkreten technischen Einsatz innerhalb der Inszenierung belaufen, trägt zu dieser Annahme bei; sie sind unterschiedlich moduliert, was nicht beliebig anmutet und zu einer möglicherweise persönlichen Wahrnehmung eines Zuschauers passend erscheint.

Verstärkend, schmückend, was in Text und szenischer Umsetzung bereits vorhanden ist, und nicht erst mit emotionaler Aufbauschung durch Musik existent gemacht - Raschke wählte im Gegensatz zu Wüllenweber einen vertretbaren Umgang mit Klängen über und zwischen Repliken. An dieser Stelle bleibt nur noch zu fragen, ob die Symbiose aus einer grandiosen Schauspielerin wie Bettina Storm zusammen mit einer literarischen Leistung, die Kinder wie Erwachsene zum Lachen und Weinen bringt, und die „Schlafen Fische?“ nun einmal ist, Musik als schmückendes Beiwerk überhaupt benötigt.



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