Home

Dramaturgen gegen Watte. Ein Gespräch der Beobachter über das Gespräch der Experten

Kategorie: Mühlheimer KinderStücke2012
Veröffentlicht am Montag, 28. Mai 2012 10:52
Geschrieben von Marie-Hélène Nille-Hauf und Nina Heinrich

Experten der Theater- und Dramatikerszene, Dramturgen (u.a. Christian Schönfelder vom Jungen Ensemble Stuttgart und Barbara Kantel aus Essen), die Lektorin Nina Peters, Mitglied im Auswahlgremium der „KinderStücke", Autoren (u.a. neben Autoren der diesjährigen Kinderstücke wie Jens Raschke vom Theater an der Werft in Kiel oder Michael Schramm und Sabine Zieser vom Theater Mummpitz in Nürnberg, Oliver Bukowski und Bernhard Studlar) sowie Intendanten (Stefan Fischer-Fels vom GRIPS Theater in Berlin und Andrea Maria Erl vom Theater Mummpitz), Regisseure (u.a. Werner Mink), Schauspieler (u.a. Bettina Storm) und Vertreter der Presse (u.a. Jürgen Berger und Barbara Behrendt), versammelten sich im Rahmen des Festivals „KinderStücke 2012" in Mülheim an der Ruhe und diskutierten über die aktuelle Lage dramatischer Stoffe für Kinder – „Gut ist nicht gut genug!"

Werner Mink, Teil des dreiköpfigen Auswahlgremiums und der Preisjury, nennt aus seiner Sicht dringende Gründe für die Expertenrunde. Die ernüchternde Ausbeute von dreiundzwanzig Stücken neuer Kindertheatertexte, dessen textliches Ausgangsmaterial nur bei acht der Stücke originär war und tatsächlich eine Geschichte erzählt; auch im Kindertheater benötigt es eine Dramaturgie, mehrdimensionale Figurenzeichnungen oder den nachvollziehbaren Wunsch, diese Geschichte im Theater erzählen zu wollen.


Siehst du ein Problem darin, dass insgesamt nur dreiundzwanzig Texte für KinderStücke eingereicht wurden?

Ja, schon. Nach Quantität muss nicht gefragt werden, sobald Qualität vorhanden ist. Wenn davon allerdings nur acht Stücke so interessant sind, dass man sich auch die Inszenierung anschauen möchte, kann nicht nur von fehlender Quantität die Rede sein.

Wer als Autor etwas auf sich hält, schreibt ja auch keine Kinderstücke, oder? Auf jeden Fall gilt das Schreiben von Kinderstücken irgendwie schon lange und noch immer nicht als "hip", als wäre der künstlerische Anspruch hierbei ein geringerer. Diese Diskreditierungen müssen auch Schauspieler und andere an den Kinderstücken Beteiligte erleben.

Was meinst du, wie kommt es zu derartig geringfügigerer Wertschätzung?

Ich glaube, dass diejenigen, die das Konzipieren von Kindertheater als weniger anspruchsvoll oder kunstfertig erachten, sich nicht über die eigentlichen Qualität-Standards, die gutes Kindertheater mit sich bringen sollte, im Klaren sind.

Die Experten aus der Runde sind sich zumindest einig, dass Stücke dann als gutes Kindertheater gelten sollten, wenn diese sowohl eine Relevanz für Kinder als auch für Erwachsene besitzen. Dass eine Dramaturgie und ein literarischer Anspruch eine Rolle spielen, sollte eigentlich gar keine Frage sein. Der Autor Lutz Hübner, der sowohl Kinder- als auch Erwachsenenstücke schreibt, formulierte sein persönlichen Anliegen: „Kinder gehen klein in die Aufführung rein und sollten ein Stückchen größer danach wieder heraus kommen."

Und genauso war innerhalb der Expertenrunde immer wieder herauszuhören, dass auch Erwachsene inspiriert aus einer Kindertheatervorstellung kommen und dabei das Gefühl haben möchten, dass, was gezeigt wurde, auch wirklich etwas mit dem Leben zu tun hat. „Bei den Pädagogen existiert insbesondere in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist, ein großes Bedürfnis nach Watte", sagte Barbara Kantel, denn problematisch wurde gesehen, dass die Dramaturgie bei Kinderstücken immer häufiger von den Theaterpädagogen übernommen wird.

Aus meinen eigenen Erfahrungen muss ich anfügen, dass das obligatorische Weihnachtsmärchen und der Räuber Hotzenplotz meine ersten Berührungspunkte mit dem Theater waren. Natürlich ist das generell nicht schlecht, aber in der Jugendzeit kamen dann aufgezwungene Besuche von „Kohlhaas" und „Besuch der alten Dame" dazu, im Klassenverband und in der regionalen Stadthalle. Im Deutschunterricht wurde Tage danach mühselig und unmotiviert abgefragt, was die Fahne in der Hand des Schauspielers Kohlhaas zu bedeuten hatte.

Das bedeutet, dass du als Kind Märchen-Adaptionen sehen durftest und als Jugendliche bereits an die Inszenierungen von Klassikern herangeführt wurdest. Ähnliche Erfahrungen habe ich auch gemacht. Problematisch dabei ist wahrscheinlich, dass ein Theater, das sich tatsächlich mit der eigenen Lebenswelt beschäftigt, einfach übersprungen wird. Die Verarbeitung dessen passiert dann nur in Romanen und Filmen. Wenn also Theater immer das ist, was eigentlich nichts mit einem zu tun hat, sollte sich niemand wundern, dass es im Publikum kaum noch Nachwuchs gibt.

Wie handelt man dann mit einem Gegenstand, der keinen Bedarf in der Gesellschaft hervorruft? Damit wären wir natürlich an einer sehr allgemeinen Fragestellung angelangt. Hierbei möchte ich die in Deutschland herrschende Luxusausstattung diesbezüglich, auf die auch in der Runde des Öfteren hingewiesen wurde, nicht übersehen, aber das hindert einen ja nicht daran, nach der Qualität und einer möglichen Verbesserung dieser Güter zu fragen. ‚Stücken mangelt es an Figurenzeichnung, Dramaturgie oder einer nicht ernstgenmeinten Auseinandersetzung mit den Anliegen der Zuschauer', möchte ich eine Anmerkung aus der Expertenrunde zitieren. Arbeitsstellen für Dramaturgen fallen im Kindertheater weg, deren Aufgaben müssen Theaterpädagogen zusätzlich übernehmen. Das hat Auswirkungen.

In der Runde der Autoren und Theatermacher wurde aber vor allem auch über die Position von Autoren in theaterbetriebsinternen Prozessen diskutiert, was auch einen wichtigen Faktor bei der Produktion qualitativer Kinderstücke darstellt. Hierbei stellte sich vor allem die Frage nach den verschiedenen Formen einer Textproduktion für die Bühne. Zur Debatte standen die Hausautorenschaft, also die längerfristige Bindung eines Autors an ein Theater, wodurch diesem die Strukturen des Hauses bekannt und jegliche Prozesse vor Ort für diesen erlebbar sind, eine kurzfristige projektbezogene Arbeitsweise oder die Texterarbeitung eines Theaters im Team, womöglich ganz ohne Autor. Diese basieren auf den Erfahrungswerten der Theatermacher.

Doch über eine länger bestehende Arbeitsform hinaus, die oft sehr personengebunden funktioniert, gibt es bereits neue Initiativen, wie zum Beispiel das Frankfurter Autorenforum für Kinder- und Jugendtheater, das vom Kinder- und Jugendtheaterzentrum in Frankfurt am Main organisiert wird. Im Projekt TAtSch (textflug.de) arbeiten Autoren mit Schulklassen gemeinsam an einem szenischen Text und inszenieren ihn auch, und das dann vor allem über einen längeren Zeitraum, nur zum Stichwort Nachhaltigkeit.

Das Frankfurter Autorenforum eignet sich natürlich bestens dafür, Autoren und Theatermacher zusammen zu bringen. Von mehreren Seiten der Dramaturgen wurde innerhalb der Expertenrunde beklagt, dass es nicht im Bereich des Menschenmöglichen wäre, sämtliche dramatische Texte, die erscheinen, auf dessen Spielbarkeit vom eigenen Haus zu prüfen. Es stellt sich die Frage, wie ernst Verlage ihre Aufgabe als Vermittler zwischen Autoren und Theater sehen, oder ob es Aufgabe der Autoren ist, bei den Häusern an die Tür zu kopfen.

Ein Speed Dating für Autoren und Regisseure muss her! Oder, damit die Zusammenarbeit auch wirklich auf fruchtbarem Boden stattfinden kann, vielmehr ein Slow Dating.

Wenn doch aber ein Theater den Text gerne selbst und basierend auf eigenen Erfahrungswerten produzieren möchte, so wie das Theater Mummpitz in Nürnberg? Arbeitet man nicht gegen eine Landschaft neuer Kindertheaterstücke, wenn man wie der Journalist Jürgen Berger bemängelt, dass Theater auf diese Weise den Autoren das Leben schwer machen würde, Spielplanplätze dann einfach besetzt seien?

Einer solchen Entwicklung könnte ein Autor natürlich entgegenwirken, wenn er bereit wäre, festes Mitglied eine Teams zu werden.

Wäre da nur nicht die problematische zu starke Innensicht, die der Autor Oliver Bukowski ansprach. Er ist der Meinung, dass, sobald ein Autor zu sehr in die Strukturen eines Hauses eingebunden ist, dies keine positiven Auswirkungen auf den Text haben kann.

Bei freien Theatergruppen kann von Hausstrukturen jedoch keine Rede sein.

Wolfgang Schneider, Professor für Kulturpolitik und Moderator der Veranstaltung endet mit den Worten, dass die Institutionalisierung von Theatern zurzeit noch überlebenswichtig für Theatermacher sei, die Strukturen aber möglichst so angelegt sein sollten, dass freies Theater möglich ist. Außerdem verdeutlicht er noch einmal, dass Förderprogramme wie beispielsweise das Festival KinderStücke erst dann sinnvoll sind, wenn Neues geschaffen wird, was bedeutet, dass die Kriterien für die Vergabe jedweder Geldpreise zur Förderung immer wieder überdacht und angepasst werden müssen.

In Kooperation mit
bannertrailer_kinder706833