Plädoyer für das Kinderstück. Mülheimer Memorandum 2012

Zusammengestellt von Professor Dr. Wolfgang Schneider, Universität Hildesheim
 

  • Kinder brauchen Theater. Theater brauchen Stücke. Autoren schaffen Kinderstücke. Zur Anerkennung von literarischen Leistungen, zur Wertschätzung von Geschichten aus der Lebenswelt von Kindern und zur Förderung der Dramatik für ein junges Publikum; dafür gibt es die „KinderStücke" im Rahmen der Mülheimer Theatertage; Wettbewerb der neuen Texte, Festival der Uraufführungen, Plattform für den künstlerischen und kulturpolitischen Diskurs.
     
  • Gesucht werden Texte, die bleiben, Stücke von Autoren und Stückentwicklungen von Kollektiven, die Kinder ernst nehmen, sich durch Zeitgenossenschaft auszeichnen und die Sprache des Theaters in Worten und Bildern immer wieder neu zu erfinden versuchen.
     
  • Künstlerische Prozesse zur Entstehung von Kinderstücken in all ihrer Komplexität zu ermöglichen, ist Auftrag der Theaterpolitik und muss im Rahmen der Kulturförderung Berücksichtigung finden. Theater werden aufgefordert, mit Autoren kontinuierlich zusammen zu arbeiten, Stückaufträge zu vergeben oder als Hausautoren zu beschäftigen.
     
  • Dramaturgen der Theater und Lektoren der Verlage sind die natürlichen Verbündeten der Autoren. Im Kindertheater sind es zudem Theaterpädagogen, die auch deshalb eine wichtige Rolle spielen, weil sie die Rezeptionserfahrungen aus der Theaterarbeit mit dem jungen Publikum für das Drama nutzbar machen können.
     
  • Gegenwärtig braucht es mehr Autoren für Kinderstücke. Deshalb bedarf es innerhalb der Curricula in den Studiengängen für Szenisches Schreiben und Dramaturgie einer stärkeren Berücksichtigung von Kindertheater und außeruniversitär qualifizierten Werkstätten mit Dramatikern und Regisseuren.
     
  • Die Arbeitsbedingungen der Autoren, die Vergütung ihrer Arbeit und ihre Einbindung in das Theatersystem gehören immer wieder auf die Agenda der Theaterpolitik und erfordern eine Reform der Theaterförderung.
     
  • Autorenförderung darf sich nicht auf singuläre Preisvergaben beschränken. Es bedarf einer konzertierten Aktion von Theaterpraxis und Kulturpolitik mit differenzierten Förderungsmaßnahmen vom Exposé über Residenzen mit Ensembles, Dramaturgien und Regisseuren bis hin zur Fort- und Weiterbildung, auch im internationalen Dramatikernetzwerk. Das Talent am dramatischen Schreiben kann nicht früh genug geweckt werden.
     
  • Das Kinderstück gehört in den Schulunterricht, in die Lehramtsstudiengänge, in die Theaterwissenschaft und sollte selbstverständlich Objekt der Theaterkritik sein. Das Kinderstück ist Text und Material, kann als Gesamtkunstwerk und Steinbruch genutzt werden und ist tauglich für den Monolog im Klassenzimmer und die Spielplanposition zur Weihnachtszeit. Das Kinderstück vermittelt Kindheitsbilder, gibt Auskunft über eine Generation, die sich im Wachsen befindet und antizipiert das Erwachsensein; denn im Theater für ein junges Publikum sind auch die Älteren zu Gast.
     
  • Die „KinderStücke" Mülheim verpflichten sich, das Memorandum in eine konzertierte Aktion der Dramatikerförderung einzubringen und u. a. mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland die Umsetzung der Forderungen weiter zu verfolgen.

Sterben und Küssen für Anfänger

Texte und Inszenierungen, Autoren und Kindertheater – die KinderStücke 2012 in Mülheim an der Ruhr

Der Mülheimer Dramatikerpreis zeichnet Autoren literarischer Stoffe für die Bühne aus und wird seit den siebziger Jahren im Rahmen der „Stücke" in Mülheim an der Ruhr verliehen. Zuvor existierten in Deutschland vor allem Preise für fähige Regisseure. In Mülheim bieten die Inszenierungen der Jury lediglich einen Eindruck über die Bühnentauglichkeit eines Textes und präsentieren ihn auf diese Weise einem breiteren Kreis des Theaterpublikums. Im Bereich der Kinderstücke nach literarischem Gehalt zu forschen, erscheint erst einmal absurd, erfreuen sich Kinder doch, so denkt man, vielmehr an buntem Schauwert als an Geschichten aus der Welt der Menschen und intelligenter Sprachführung. Weit gefehlt allerdings, den Nachwuchs wieder einmal unterschätzt, lösten bei den Kleinen doch vor allem Aufführungen, in denen auch wirklich erzählt wurde, eine Geschichte, mit sprachlichem Anspruch, Begeisterung aus, als dann seit dem Jahr 2007 sozusagen als Rahmenprogramm der „Stücke" auch Kinderstücke zu sehen waren. Ein Grundproblem in der Gesellschaft führt zu der niedrig angelegten Latte, was das Kindertheater betrifft, die Lebenswelt, die schlicht eine andere ist, wird mit weniger Anspruch verwechselt. Um bezüglich dieses Missstandes ein Zeichen zu setzen, versetzen die, sozusagen, Eltern der Kinderstücke, Udo Balzer-Reher, Geschäftsführer, und Stephanie Steinberg, Dramaturgin, der Stücke jene zuvor lose präsentierten Kinderstücke ab 2010 in eine Wettbewerbssituation und gründeten damit ein eigenes Festival für Kinder von sechs bis zwölf Jahren, die „KinderStücke".

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Dramaturgen gegen Watte. Ein Gespräch der Beobachter über das Gespräch der Experten

Experten der Theater- und Dramatikerszene, Dramturgen (u.a. Christian Schönfelder vom Jungen Ensemble Stuttgart und Barbara Kantel aus Essen), die Lektorin Nina Peters, Mitglied im Auswahlgremium der „KinderStücke", Autoren (u.a. neben Autoren der diesjährigen Kinderstücke wie Jens Raschke vom Theater an der Werft in Kiel oder Michael Schramm und Sabine Zieser vom Theater Mummpitz in Nürnberg, Oliver Bukowski und Bernhard Studlar) sowie Intendanten (Stefan Fischer-Fels vom GRIPS Theater in Berlin und Andrea Maria Erl vom Theater Mummpitz), Regisseure (u.a. Werner Mink), Schauspieler (u.a. Bettina Storm) und Vertreter der Presse (u.a. Jürgen Berger und Barbara Behrendt), versammelten sich im Rahmen des Festivals „KinderStücke 2012" in Mülheim an der Ruhe und diskutierten über die aktuelle Lage dramatischer Stoffe für Kinder – „Gut ist nicht gut genug!"

Werner Mink, Teil des dreiköpfigen Auswahlgremiums und der Preisjury, nennt aus seiner Sicht dringende Gründe für die Expertenrunde. Die ernüchternde Ausbeute von dreiundzwanzig Stücken neuer Kindertheatertexte, dessen textliches Ausgangsmaterial nur bei acht der Stücke originär war und tatsächlich eine Geschichte erzählt; auch im Kindertheater benötigt es eine Dramaturgie, mehrdimensionale Figurenzeichnungen oder den nachvollziehbaren Wunsch, diese Geschichte im Theater erzählen zu wollen.

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Brüderküsse sind die Kratzigsten. Tag fünf der Mülheimer KinderStücke 2012

Mummpitz mit eigener Stückentwicklung im Wettbewerb

Erst mal nachschauen was Mummpitz bedeutet; aha - Schwindelei, Unsinn. Auf der Recherche danach, stoße ich sowohl auf die umgangssprachliche Verwendung „Mach keinen Mummpitz – Kehr wieder zur stringenten Ordnung zurück" und auf die sorgsam ausgestattete Homepage der freien Theatergruppe Mumpitz mit einer eigenen Spielstätte in Nürnberg.

Als einzige Produktion wurde in diesem Jahr, neben den dramatischen Texten einzelner Autoren, diese Stückentwicklung eingeladen; das heißt Sabine Zieser und Michael Schramm spielen den von ihnen gemeinsam geschriebenen Text auch selbst, Regie führte Andrea Maria Erl. Diese äußert sich zur Arbeitsform des Mumpitz Theaters in einer Expertenrunde während den KinderStücken 2012 selbst : Es ist von Vorteil, wenn Menschen zusammen arbeiten können, die aufgrund ihrer schauspielerischen Erfahrung in ihrem Beruf, sowie einer langjährigen Arbeit innerhalb einer Gruppe, fähig sind, Texte für die Bühne entstehen zu lassen.

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“Wir werden in Erde begraben und dann wachsen uns Blumen aus dem Bauch”. Tag drei der Mülheimer KinderStücke 2012

Ein Mensch stirbt, andere bleiben zurück. Und das Kindertheater? Das lotet 2012 in Mülheim aus, was diese Lücke mit Familien macht, wie Kinder mit Verlust und Vermissen umgehen. Gleich drei von fünf Stücken thematisieren den Tod naher Angehöriger, in Katrin Langes "Freund Till, genannt Eulenspiegel" den Mord am Vater, in "Zur Zeit nicht erreichbar" von Petra Wüllenweber den Unfalltod der Mutter, bei Jens Raschke "Schlafen Fische?" den Krankheitstod des kleinen Bruders. Obgleich alle drei Stücke nicht von denen handeln, die sterben, sondern gemeinsam haben, sich auf die Perspektive der Übriggebliebenen und den Umgang der Kinder mit dem Verlust zu konzentrieren, besetzen sie sehr unterschiedliche Schwerpunkte.

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