Fünf Tatsachen über Freie Spielstätten und Produktionshäuser in Niedersachsen

Der Verbund freier Theaterhäuser in Niedersachsen wendet sich erstmas an die Öffentlichkeit. Die Forderung: Eine niedersächsische Spielstättenförderung. In fünf Thesen bemängeln Sie die bisherigen Förderstrukturen und warnen vor der Abwanderung erfolgreicher Gruppen. Von einer Spielstättenförderung würden alle profitieren, so die Auffassung des Verbunds.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, der Verbund Freier Theaterhäuser in Niedersachsen, wenden uns an Sie um auf die gegenwärtige Situation freier, professioneller Spielstätten aufmerksam zu machen. 2012 haben wir uns als Verbund bestehend aus sechs Freien Theaterspielstätten in Niedersachsen gegründet, um die kulturelle Zukunft des Landes mit zu gestalten.
Der Verbund arbeitet eng mit dem Landesverband Freier Theater zusammen, da auch der Verband Theaterhäuser als zentrale Knotenpunkte für eine vitale und vernetzte Theaterlandschaft identifiziert. Spielstätten stellen Kontexte für künstlerisches Schaffen und sind ein zentraler Anknüpfungspunkt für die überregionale wie internationale Vernetzung und für die Förderung eines starken Nachwuchs.

1. Tatsache: Die Förderrealität erkennt wesentliche Bedarfe nicht an
Dem Freien Theater wird zunehmend eine unbestreitbar wichtige Rolle im gesamtkulturellen Raum atestiert, und wir sehen, dass das Land Niedersachsen eine gewachsene Förderstruktur pflegt und damit der Theaterlandschaft in ihrer Vielfältigkeit Rechnung zu tragen versucht. Dennoch hinkt die Förderrealität den Bedarfen Freier Häuser weit hinterher.
Es gibt für Freie Theater auf Landesebene keine Spielstätten- oder Infrastrukturförderung, wie es in anderen Bundesländern oder für andere Sparten (z.B.: Soziokultur, Museen etc) üblich ist. Auch kommunale Mittel werden hierfür nur sehr begrenzt zur Verfügung gestellt, und wenn überhaupt, dann nur in den Ballungszentren. Das jahrelange Vermeiden von institutioneller Förderung und investiven Maßnahmen hat zu einer unerträglich gewordenen Aushöhlung der Spielstätten des Freien Theaters geführt. Der Regelfall – wer Infrastrukturen betreibt, muss ausbessern und erneuern – wird in der Praxis sofort zum absoluten Notfall.
Und selbst dort, wo es durch Findigkeit und Eigenleistung gelingt, die Infrastrukturen einigermaßen intakt zu halten, fehlt die finanzielle Basis für eine solide Personalplanung. Um aber Spielpläne über den Moment hinaus attraktiv zu gestalten und langfristig ein eigenes Profil und Publikum zu entwickeln, braucht es wesentlich mehr als Projektmitarbeiter oder Regisseure, die sich die Zeit für diese Aufgaben buchstäblich aus den Rippen schneiden. Verschärft wird die Problematik dadurch, dass es auch keine Gastspielförderung für die niedersächsischen Theatergruppen gibt: Lediglich eine kleine Anzahl von Aufführungen wird in den Projektmitteln mitgedacht.

2. Tatsache: Erfolgreiche Gruppen wandern ab
Das bedeutet in der Realität, dass Theatergruppen trotz Unterstützung durch das Ministerium für Wissenschaft und Kultur, Stiftungen und Kommunen für ihre Projekte kaum Möglichkeiten finden, außerhalb ihrer Wohnorte zu spielen und sich ein überörtliches Publikum zu erarbeiten. Junge talentierte Nachwuchsgruppen können in Niedersachsen kaum Auftrittserfahrung sammeln. Eine Vernetzung mit Gruppen anderer Bundesländer kann kaum vorangetrieben, geschweige denn ein internationaler Austausch angestoßen werden.

Dem niedersächsischen Zuschauer bleibt so ein Teil des innovativen Spannungsfeld Freien Theaters vorenthalten, was wiederum eine Rückwirkung auf Sehgewohnheiten und Nachfrage hat. All dies zusammen führt dazu, dass viele erfolgreiche TheatermacherInnen das Land verlassen, sobald sie ein gewisses Maß an Bekanntheit erlangt haben. Das ist paradox und fahrlässig: Niedersachsen, das sowohl in Quantität als auch in Qualität zu den nachwuchsstärksten Bundesländern gehört, droht im Hinblick auf Spielstätten und Produktionshäuser zum Entwicklungsland zu werden.

3. Tatsache: Es gibt bereits starke Häuser in Niedersachsen
Dabei ist es gar nicht notwendig, hier völlig neue Strukturen aufzubauen. Das Potenzial Niedersachsens liegt in den existierenden mittelgroßen Häusern, die, wenn man sie als Netz versteht, dem Flächenland Niedersachsen sehr gut entsprechen und die bei ausreichender Förderung gemeinsam zukunftsweisend arbeiten könnten. Die Spielstätten Niedersachsens haben das energetische Potential und den Willen endlich die benannten Defizite aufzuarbeiten und in Zukunftskonzepte umzusetzen.

4. Tatsache: Von einer Spielstättenförderung profitieren alle
Wir brauchen endlich auch in Niedersachsen eine Spielstättenförderung. Die Konzepte dazu haben wir – gewachsen aus langjähriger Erfahrung und gebündelt durch den intensiven Austausch im Spielstättenverbund.. Die dafür notwendigen Kosten sind Investitionskosten für die Zukunft und gemessen an anderen Etats verschwindend gering. Und den Nutzen haben alle: Die Künstler, die Theaterspielstätten, nicht zuletzt aber die niedersächsischen BürgerInnen.

5.Tatsache: Die Zahl der Unterstützer wächst
Und wir stehen mit unseren Forderungen nicht alleine: Die in Niedersachsen ansässigen Stiftungen, die viel Geld in Produktionen investieren, die Universitäten, die jährlich potentielle Künstler und Künstlerinnen als professionellen Nachwuchs entlassen oder die Künstler und Spielstätten anderer Bundesländer, die mit Niedersachsen zusammen arbeiten wollen, all diese sehen und formulieren die gleiche Notwendigkeit wie wir.


Mit freundlichen Grüßen

Andrea Fester (Theaterhaus Hildesheim), Stefanie Theis (LOT Theater Braunschweig), Winfried Wrede (theater wrede+ Oldenburg), Peter Piontek (Eifabrik Hannover), Sabine Trötschel (Theaterwerkstatt Hannover), Dietrich Oberländer (Kunstmühle Braunschweig)