Man müsste, man könnte, man sollte! - Dieter Buroch, dem Dach-Decker, Haus-Meister und Hand-Werker der Darstellenden Künste in Deutschland gewidmet

Man müsste, man könnte, man sollte! Der Mann, der fast jedes Gespräch mit diesen Worten beginnen lässt, ist ein Visionär, ein Manager, kurzum ein visionärer Manager der Darstellenden Künste: Dieter Buroch. Er hat ein Modell geschaffen, das kulturpolitisch nicht im Konjunktiv verharrte, sondern Realität wurde: Das Künstlerhaus Mousonturm. Insofern wird das eine mit dem anderen immer in Verbindung bleiben. Das Verbindende war gewissermaßen auch der rote Faden. Die Macher konnten sich vernetzen, die Künste ihre Interdisziplinarität leben, das Publikum war dazwischen, mittendrin und somit weit voraus. Deshalb war es „dem Dieter" auch immer ein Anliegen, das weiterzugeben, was er selbst sich autodidaktisch beigebracht hat. Lernen durch Erfahrung, vermitteln durch praktische Anschauung. Meine Studierenden, ob aus Hildesheim, aber auch aus Mainz oder Leipzig, waren von ihm begeistert.

Man müsste, man könnte, man sollte! Und er wusste, wie es gedacht, angepackt und umgesetzt wird. Im Nachhinein hat er sich sogar immer auch noch eine Theorie dazu gebastelt, Module des Kulturmanagements entwickelt, Strategien für ein Kulturmarketing abgeleitet und das Ganze dann kulturpolitisch grundiert. Sein Theater war anders. Nicht nur auf der Bühne. Das mögen andere würdigen. Sein Theater war auch ein innovatives Programm für die Strukturveränderungen im System. Theater ermöglichen, das hatte er von Hilmar Hoffmann gelernt, Theater möglichst stringent im Sinne der Künstler zu organisieren, das hat er erfunden und ist selbst zum Meister der Kulturpolitik avanciert.

Man müsste, man könnte, man sollte! Er musste es machen, er konnte es machen, er sollte der Reformator unserer Tage werden. Denn wer hatte denn verordnet, dass Theater von Flensburg bis Konstanz, von Aachen bis Dresden allesamt gleich organisiert sein muss? Braucht das Theater all überall Ensemble und Repertoire? Gibt es auch Alternativen zu den traditionellen Verfahren in Produktion, Distribution und Rezeption? Ja, in Frankfurt am Main, im Künstlerhaus Mousonturm, dank Dieter Buroch! Das Haus in der Waldschmidtstraße wurde ebenso zu einem Stadt-Theater, einem Theater, das mit der Stadt zu tun hat - mit ihren Bürgern, mit Lebens- und Ausdrucksformen, mit der gesellschaftlichen Entwicklung.

Das Theater ist per se politisch, es zeigt uns, was gezeigt werden müsste, könnte, sollte. Und da es öffentlich gefördert wird, hat es die Lizenz zum Scheitern, darf es auch mal auf den Prozess setzen und avantgardistisch Inhalte und Ästhetiken ausprobieren. Freie Gruppen aus der Stadt, Künstler der freien Szene aus aller Welt, Gastspiele, die richtungsweisend sein wollten, Festivals, die Sponsoren und Zuschauer lockten, Produktionsformen, die inspirierend wirkten, dafür braucht es eine Infrastruktur. Dieter Buroch war der Dach-Decker, der Haus-Meister, der Hand-Werker mit klugem Kopf, heißem Herzen und spontanem Spaß.

Und wenn ich auf die Frage:"Wie sieht das Theater im Jahr 2020 aus? Oder: Was wird sich bis 2020 am Theater verändern?", dann fällt es mir leicht zu antworten: Dank den Pionieren wie Dieter Buroch hat sich schon etwas geändert! Eine neue Theaterpolitik wird den guten Taten folgen, um bessere Theaterkunst für mehr Publikum zu ermöglichen. Also nix mit Rente, sondern ran an die Theaterentwicklungsplanungen in allen Regionen der Republik; denn man müsste, man könnte, man sollte...

Professor Dr. Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim