Wir sind das Theater

Aber wer ist wir? Die Theaterszene traf sich zum Selbstbefragungssymposion, die Kulturstiftung des Bundes veranstaltete zusammen mit dem Schauspiel Köln ein viertägiges Festival: „Heimspiel – Wem gehört die Bühne??" Positives Durcheinander.

Strukturen, sagt Ulrich Khuon, sind von Natur aus träge, das gelte auch für die des deutschen Stadttheaters. Und wir, so der Intendant des Deutschen Theaters Berlin, sind dafür da, sie zu dynamisieren. Wir, das sind in diesem Fall die Verantwortlichen an jenen städtischen Theatern, die Matthias Lilienthal, Chef am Berliner Theaterkombinat HAU, als „vernagelte Kisten“ bezeichnet, Kisten, „die möglichst viel tun, um das Publikum abzuweisen“. Ja, ja, erwidert Khuon, ein Allheilmittel seien die jetzt so beliebten Strategien der Partizipation zwar nicht. Aber man müsse schon raus aus den Häusern, müsse Leute aus verschiedenen Milieus am Theater beteiligen und ihnen mehr zuhören, gerade denen, die nicht in die Stadttheaterkisten kommen. Lilienthal nickt. Es nicken auch André Bücker, Intendant am Anhaltischen Theater Dessau, und Barbara Mundel, Theaterchefin in Freiburg. Das war jetzt bei einem Podiumsgespräch im Kölner Kunstverein.

Die Theaterszene traf sich zum Selbstbefragungssymposion, die Kulturstiftung des Bundes veranstaltete zusammen mit dem Schauspiel Köln ein viertägiges Festival: „Heimspiel – Wem gehört die Bühne??“ Das doppelte Fragezeichen hat Ausrufezeichencharakter: Wem die Bühne gehört, was der Auftrag des Theaters, was Stadttheater und darstellende Kunst überhaupt ist, für wen und warum und wie es das künftig geben soll, sind die Grund- und also Überlebensfragen des Theaters. Sie werden derzeit oft gestellt. Und sie werden, wie bei dem in dieses Festival integrierten zweitägigen Symposion, in auffallender Unordnung gestellt. Die Begriffe, die Perspektiven, die Theoriehäppchen – es geht viel durcheinander. Unordnung als Chance Man kann das auch positiv wenden: Unordnung birgt die Chance auf Veränderung. Dass es sie braucht, weil die Stadttheaterkisten in diesem unserem heterogenen Einwanderungsland keine Bildungsbürgertrutzburgen mehr sein können – darüber waren sich in Köln Theoretiker wie Mark Terkessidis, Hans-Thies Lehmann oder Diedrich Diedrichsen und die Praktiker einig. Immerhin. Aber dann: was genau sollte sich ändern? Das Theater ist ja nicht in einer Besucherzahlen-, sondern einer Selbstlegitimationskrise. Es befindet sich in einer Übergangsphase von der Stadtrepräsentations- zur Stadtmitgestaltungsanstalt. Zu jedem Übergang gehört, dass man nicht wissen kann, was daraus entsteht. Auch deshalb muss man die Bundeskulturstiftung loben: Sie hat 2006 einen „Heimspiel“ genannten, 2,4 Millionen starken Fonds eingerichtet, mit dem bislang 56 Stadttheaterprojekte gefördert wurden, die der ergebnisoffenen Erkundung der jeweiligen städtischen Umfelder gewidmet waren. In der Regel ist daraus Außer-Haus-Theater entstanden, oft mit Beteiligung von Laien. Das Kölner Festival wollte jetzt Bilanz ziehen und hat aus dem In- und Ausland einige exemplarische Inszenierungen eingeladen. Und wie weiter?

Als Karin Beier zum Beispiel 2007 in Köln Intendantin wurde, ließ sie für ihr neues Ensemble einzig Schauspieler mit Migrationshintergrund vorsprechen; man wollte die migrantische Stadtrealität auch auf der Bühne gespiegelt sehen. Rita Thiele, ihre Chefdramaturgin, sagt heute: Das würde man nicht wieder so rigoristisch machen. Aber wie dann? Und wie weiter? Es ist viel, sehr viel offen derzeit, nicht nur strukturell, genauso künstlerisch. Denn auch das ist ViHeimspiel“-Realität: Inhaltlich erreichten diese Projekte mitunter kaum den Erkenntnisstand schlechter Sachbücher, und auch ästhetisch blieben sie oft eher dürftig. Der „Heimspiel“-Fonds hat dankenswerterweise die Stadttheater zur Wahrnehmungserweiterung verführt, die entscheidende Frage wird künftig aber sein, was im und für das Theater Kunst bedeutet. Hortensia Völckers, die Chefin der Bundeskulturstiftung, hat zur Eröffnung des Festivals angekündigt, es werde ein neuer Fonds aufgelegt, als „Angebot, die Zukunftsfähigkeit des Stadttheaters zu üben“. Das wird es brauchen.

Dieser Artikel ist zu finden unter: http://www.fr-online.de/kultur/theater/wir-sind-das-theater/-/1473346/8301800/-/index.html