Wem gehört die Bühne? - Sechs Jahre Heimspiel-Fonds der Kulturstiftung des Bundes

Nach sechs Jahren Heimspiel-Fonds der Kulturstiftung des Bundes ziehen nationale und internationale Theaterexperten Bilanz und wagen den Blick in eine Zukunft ohne Sonderzuschüsse für Theaterprojekte mit Stadtbezug

Im Sport bedeutet ein Heimspiel Vorteil. Die Platzbedingungen sind aus dem Training bekannt, der Großteil der Zuschauer ist auf deiner Seite, feuert dich und dein Team an und will, dass ihr gewinnt. Das spornt an, erhöht aber auch den Leistungsdruck. Gelingt der Sieg, wird er mit rauschendem Jubel von den Tribünen gefeiert. Das Heimspiel ist gewonnen. Die Fans sind glücklich, der Vertrag für die nächste Saison ist gesichert. Der Platz gehört dir!

Im Theater bedeutet Heimspiel seit 2006 Extrageld von der Kulturstiftung des Bundes für Projekte deutscher Stadt- und Staatstheater, die sich in besonderem Maße mit Menschen und Themen der sie umgebenden Stadt auseinandersetzen. Dieser Vorteil ist allerdings auf ein Defizit zurückzuführen. Ein Stadt- oder Staatstheater liefert im Grunde genommen Abend für Abend ein Heimspiel auf bekannter Bühne, allein die Fan-Zahlen lassen zu wünschen übrig. Und obwohl ein Theatergebäude geografisch meist im Zentrum einer Stadt angesiedelt ist, scheint es im Bewusstsein der Stadtgesellschaft eher einen Platz am Rande des Spielfelds zu haben.

Um dem entgegen zu wirken ,richtete die Kulturstiftung des Bundes 2006 den Heimspiel-Fonds mit einem Gesamtfördervolumen von 2,4 Millionen Euro ein. Mit diesen Mitteln wurden seither 56 Projekte unterstützt, die entweder die ganze Stadt zur Bühne machten, oder aber die hauseigene Bühne mit Bürgern der Stadt teilten. Rund 3000 Laienakteure waren laut Angaben der Stiftung an Heimspiel-Produktionen beteiligt, die in ca. 260 Aufführungen über 100.000 Zuschauer lockten. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Aufführungen an öffentlich geförderten Theaterhäusern, die der deutsche Bühnenverein mit 105 000 beziffert, ist die Anzahl der Heimspiel-Aufführungen allerdings noch gering. An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Kulturstiftung des Bundes als alleiniger Zuwendungsgeber des Fonds Darstellende Künste jährlich eine Million Euro in Produktionen der Freien Szene investiert. Im vergangenen Jahr wurden damit 72 Projekte realisiert – viele davon ebenso mit „Heimspiel“-Anspruch, aber deutlich geringerem Produktionsbudget.

Mit dem nahenden Ende des Heimspiel-Fonds 2013 formuliert die Kulturstiftung des Bundes nun die Frage: Wem gehört die Bühne? Unter diesem Motto fand vom 29. März bis zum 3. April das Festival „Heimspiel 2011“ in Kooperation mit dem Schauspiel Köln statt. Unter der künstlerischen Leitung von Berit Schluck wurden zum einen ausgewählte Produktionen eingeladen, die mit Geldern des Heimspiel-Fonds unterstützt worden waren, zum anderen wurden Produktionen aus dem Ausland gezeigt, die auch ohne Anreiz von außen Ähnlichkeiten mit den Heimspiel-Projekten aufwiesen. Im Verlaufe des Projektzeitraums scheint sich also ein Konsens darüber entwickelt zu haben, was ein Heimspiel-Projekt ausmacht. Diese Entwicklungen in Ästhetik und Produktionsweisen der institutionellen Theater wurden im Rahmen eines Symposiums diskutiert, zu dem neben nationaler Prominenz auch internationale Theaterschaffende und Medienkritiker eingeladen worden waren. So diskutierten etwa Hans-Thies Lehmann und Diedrich Diederichsen über den inflationären Gebrauch des Begriffs und die angebliche Neuentdeckung der Partizipation als ästhetisches Mittel im Theater. Im „thinklab“ des letzten Tages stellte Matt Fenton, Leiter des Nufield Theatre in Lancaster seinen Versuch dar, neues Publikum zu erreichen, indem er eine Spielzeit lang sechs Bürgerinnen und Bürgern der Stadt die Arbeit am Spielplan überließ. Große Unterschiede im Programm habe es daraufhin nicht gegeben, eine Publikumssteigerung von 50% habe man allerdings erreicht. Er betonte jedoch, dass man dies sicher nicht als Modell ansehen könne, was man auf jedes x-beliebige Theater übertragen könne. Auch in Lancaster hat er nun wieder die Fäden in der Hand, denn dafür wird er ja auch bezahlt. Die neuen Künstlerkontakte, die sich aber durch die kuratorische Arbeit der Nicht-Profis ergeben haben, würden aber auch heute noch in Form von Koproduktionen gepflegt. Dass nicht einmal eine Wiederholung in Aussicht gestellt wurde, erweckt jedoch den Anschein, als habe die Benennung eines Laien-Kuratoriums für Fenton in erster Linie den Charakter eines künstlerischen Experiments gehabt, das aufgrund des wenig unspektakulär abweichenden Spielplans nicht wiederholt wird. Aber ist dies für eine Institution mit künstlerischem Anspruch verwerflich? Die Grenzen zwischen Kunst und Sozialarbeit scheinen fließend, auch bei den anderen vorgestellten Projekten. Zu bedenken gab man, inwiefern Laien als billige Arbeitskräfte am Theater für große Effekte sorgen, während die Schauspieler sich nach dem Sinn ihrer Ausbildung fragen, haben doch gerade bei den Heimspiel-Projekten oft Menschen aus sozialen „Randgruppen“ eine tragende Rolle.

Auch wenn sich alle einig darüber waren, dass der Heimspiel-Fonds die, vorwiegend nur temporäre, Öffnung der Theater gegenüber ihrer Stadt und anderen Spielformaten begünstigt hat, so kann von einer durchweg euphorischen Stimmung oder einem nostalgischen Rückblick auf die vergangenen Heimspiel-Projekte nicht gesprochen werden. Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters in Berlin merkte an, dass die geförderten Projekte an vielen Häusern lediglich als „Alibi-Projekte“ fungiert hätten, während der reguläre Betrieb weiterhin nach alten Produktionsstrukturen verliefe. Unter dem Titel „Theater als Langzeitprojekt“ saß Khuon gemeinsam mit Matthias Lilienthal (Intendant Hebbel am Ufer) und Barbara Mundel (Intendantin Schauspiel Freiburg) auf dem Podium. Sozusagen als Klassenbeste durften sie hier präsentieren, wie auch ohne die zusätzlichen Fördermittel der Kulturstiftung sowohl in der thematischen Ausrichtung als auch in der künstlerischen Praxis eine stärkere Anbindung an die Stadt möglich ist. In Freiburg fragen Barbara Mundel und ihr Team in einem Langzeitprojekt danach, wie das Stadttheater der Zukunft aussehen kann und sollte. Wer ist das Publikum? Welche Rolle spielt „das“ Theater noch in seiner Stadt? Trotz einer Etatkürzung von einer Million Euro wurden am Freiburger Theater Projekte realisiert, die in besonderer Weise mit Orten und Personen der Stadt verknüpft waren. Etwa ein inszenierter Rundgang durch den „Problembezirk“ Hasslach, in dem Tänzer, Choreografen, Dramaturgen und Regisseure zuvor ein Jahr lang in enger Kooperation mit den Anwohnern recherchiert hatten. Auch mit ortsansässigen Wissenschaftlern des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin in Freiburg arbeitete das Theater eng zusammen. Gemeinsam stellten sie sich die Frage, welche Folgen die Anwendung biotechnologischer Forschungsergebnisse für unser Bild vom Menschen haben werden. Ergebnisse dieser Austauscharbeit sind in den Produktionen „Als wir Menschen waren“ oder „Mein Prähistorisches Hirn“ zu sehen. Als weiteres Beispiel für eine kontinuierliche Öffnung des Stadttheaters, sowie den Austausch mit der Stadt wurde die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden unter der Leitung von Miriam Tscholl genannt.

In Form des Heimspiel Festivals 2011 hat die Kulturstiftung also ein breites Spektrum an Inspirationsquellen aufgetischt und die Theaterschaffenden, sowie Theaterkritiker und –wissenschaftler zusammengebracht, um gemeinsam zu diskutieren, wie das Theater „zukunftsfähig“ werden kann. Zu fragen ist, wieso die meisten Theater hier scheinbar erst den Impuls von außen brauchen, um eigene Strukturen zu hinterfragen und den Anschluss an die Bevölkerung zu suchen. Bleibt bei einem Produktionsdruck, der manche Häuser fließbandartig bis zu zwanzig Premieren im Jahr zur Bühne bringen lässt, keine Zeit mehr nach Themen zu suchen, für die Theaterschaffende und Gesellschaft gleichermaßen brennen? Kann hier die Kulturpolitik helfen? Ist der Musentempel von damals heute eher zum Bunker geworden, indem man, wie Tom Stromberg auf dem Symposium selbst eingestand, nicht nur Parallelwelten inszeniert, sondern bald selbst in einer lebt? Was wären Lösungen dies aufzubrechen, die immer wieder beklagten starren Strukturen der Institution zu bewegen? Lohnt es sich die Errungenschaften des Ensembles oder der hauseigenen Bühnen zugunsten einer multilokalen Arbeitsweise mit projektbezogenen Arbeitsverträgen aufzulösen? Arbeitsbedingungen die aber erst vor kurzem auf dem Kongress Freier Darstellender Künstler in Stuttgart kritisch diskutiert wurden?

Sybille Peters, Performerin zwischen Theater und Wissenschaft, brachte die drei meistgenannten Vorbehalte gegenüber der Möglichkeit Heimspiel-Projekte auch nach Auslaufen des Fonds zu realisieren auf den Punkt. Zum einen würden die Vorhaben an versteckten hausinternen Hierarchien scheitern, sowie an unterschiedlichen Interessen der Theatermachenden. Als dritten Punkt nannte sie problematische ökonomische Bedingungen. Noch ist der Anteil der rund 145 Stadt- und Staatstheater, die wie am Schauspiel Freiburg oder am Staatsschauspiel Dresden beginnen ihr Budget so aufzuteilen, dass Produktionen mit Heimspiel-Charakter keine Eintagsfliegen sind, zu gering. Um aber in den unterschiedlichen Abteilungen eines Theaters Verständnis für neue Arbeitsmethoden und Interessen zu finden, scheint es noch an internen Vermittlern zu fehlen, so die Einschätzung einer Teilnehmerin. Als die Dramaturgen dafür vorgeschlagen wurden, ging ein Raunen durch die Reihen der Symposiumsgäste.

Am Ende des Symposiums in Köln war eine offene Gesprächsrunde unter dem Titel „Open Mic“ geplant, die den Festivalgästen die Möglichkeit bieten sollte, Eindrücke und Erfahrungen zusammenzufassen sowie eigene Ideen zum Besten zu geben. Vielleicht kam dieser „partizipative“ Programmpunkt des Symposiums zu spät. Aufgrund fehlender Redner fiel das „Open Mic“ aus. Es bleibt zu hoffen, dass die Symposiumsgäste lieber schnell in ihre Theaterhäuser zurückkehren wollten, nicht aber um sich hinter den dicken Mauern zu verstecken, sondern um viel eher das nächste Heimspiel vorzubereiten, auch ohne Kulturstiftung aber dafür mit Rückenwind der eigenen Mitarbeiter und Fans. Zu hoffen bleibt auch, dass die Kulturpolitik solche Produktionen unterstützend begleitet, auch wenn sie mal Themen in den Vordergrund rücken, über die manch ein Kommunalpolitiker lieber schweigen würde. Aber gerade dieses Einmischen in aktuelle Konflikte hält das Theater lebendig.