Die Kunst der Kompromisslosigkeit. Fragen an die Darstellende Kunst bei den Hessischen Theatergesprächen in Marburg

Das Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim ist ein Ort, an dem sich Theorie und Praxis die Hand reichen. Deshalb initiierte Prof. Dr. Wolfgang Schneider zusammen mit dem Marburger Intendanten Matthias Faltz und dessen Chefdramaturgen Alexander Leiffheidt die Hessischen Theatergespräche im Landestheater Marburg. Nichts weniger als das Theater unserer Gegenwart stand zur Debatte, und es bemühten sich verschiedene Experten um Antworten.

Zum ersten Gespräch der ersten Spielzeit unter neuer Leitung trafen sich die Vertreter der freien Spielstätten im Landestheater mit dem frischgebackenen Intendanten, welcher selbst den Großteil seiner Karriere Teil der freien Theaterszene war. Auf dem Podium saßen Angelika Sieburg, Landesverband Freier Theater Hessen, Rolf Michenfelder, „german stage service" und Gero Braach, Kulturladen KFZ, in Marburg. Solche Konkurrenz belebt das Geschäft, möchte man meinen, doch die Marburger schätzen verlässliche Partnerschaften mehr als das Wildern im fremden Revier. Mehr Theater, vor allem mehr unterschiedliches Theater, nützt allen und das lässt sich nur erreichen wenn es gelingt, Theater und Gesellschaft zusammenzubringen. Jeder Kulturträger muss sich mit seinen Mitteln der Stadt anbieten, um gemeinsam gesellschaftlich-relevante Themen aufzugreifen, die über Bühnentheaterproduktionen hinausgehen, davon zeugt die feste Verankerung der Freien Kulturinstitutionen in der Marburger Bevölkerung.

Im folgenden Gespräch diskutierten neben der hessischen Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva Kühne-Hörmann, Schulleiter aus Hessen und der Vorsitzende der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung, Dr. Gerd Taube, über die Chancen und Grenzen von Theater in der Schule. Einig war man sich, dass der Besuch im Theater (Wahrnehmungs-)Schule sei. Aber den Schulen fehlen die Kapazitäten, Theater im Curriculum unterzubringen. Demnach müsse das Theater für Kinder- und Jugendliche besser werden, beispielsweise durch den Mut, auch im Kinder- und Jugendtheater Heterogenität und Interdisziplinarität Raum zu geben. Faltz betonte, das Theater biete dem Zuschauer die Auseinandersetzung mit einem Thema an und appellierte an Theatermacher, diese Auseinandersetzung zu provozieren und besonders heute die Aufgabe, Menschen kulturell auszubilden, stärker wahrzunehmen. Doch wie sieht es mit Theater von Kindern und Jugendlichen aus? Ist das Selbermachen nicht immer noch die geeignetste Form Ich-Kompetenz, Kritikfähigkeit und Selbstbewusstsein zu erwerben? Der Rahmenvertrag Theater und Schule in Hessen beispielsweise ermöglicht Besuche professioneller Theaterschaffender in den Schulen, Gastspiele sowie eine niedrige finanzielle Hürde für den Besuch in den Hessischen Theatern.

Geht die universitäre Ausbildung am Theatersystem vorbei?

Im dritten Theatergespräch standen die Hochschulen im Mittelpunkt und die Frage: Wo kommen die Theatermacher von morgen her? Gießen, Hildesheim, Hamburg oder München? Matthias Faltz als Arbeitgeber und Prof. Dr. Heiner Goebbels, als Präsident der Hessischen Theaterakademie, suchten Antworten. Goebbels stellte gleich zu Beginn die These auf, dass die Hochschulen gegründet wurden, um die bestehenden Institutionen mit Nachwuchs zu beliefern. Aber diese Hochschulen müssten erst lernen, tatsächlich in Frage zu stellen, was auf den großen Bühnen stattfinde. Hildesheim und Gießen sind dabei natürlich zwei radikale und schwungvolle Heranwachsende, immer auf der Suche nach dem Neuen und dem Unbekannten. Forschung und Lehre als Kreislauf von Theorie und Praxis: Erfolgsmodell oder Schreckgespenst? Nur durch die Beteiligung der Studierenden an der Forschung für eine Darstellende Kunst der Zukunft führt zur Entwicklung einer eigenen ästhetischen Position! Dabei ist die Vermittlung fester Positionen kontraproduktiv. Die ständige praktische Überprüfung unterwirft die theoretische Reflexion einem schnelleren Rhythmus der Veränderung. Aber geht diese Ausbildung nicht haarscharf vorbei am deutschen Theatersystem? Wo finden sich solche Freiräume in der Praxis? Heiner Goebbels hat bei einem früheren Anlass selber davon gesprochen, dass er sich als Künstler außerhalb der institutionalisierten Theaterlandschaft in Deutschland sieht und es kaum Produktionsmöglichkeiten für ihn gäbe. Wie geht das zusammen mit einem Land, das alljährlich fast drei Milliarden Euro öffentliche Mittel in sein Theatersystem steckt? Wenn jeden Abend ein neues Stück gespielt werden solle, jedes Theater sein eigenes Ensemble hat und weitere feste Vorgaben dieser Art bestehen würden, könne man irgendwann nicht mehr danach fragen, was der Künstler brauche, sondern man fragt nur noch: „Was braucht das Haus?". Es soll aber in der Kunst die Kompromisslosigkeit ganz oben stehen. Dafür muss zur Diskussion stehen, wie und mit wem man arbeite. „Wir brauchen für unsere Forschung diesen luxuriösen Freiraum jenseits der Institutionen.", sagt Goebbels. Diese Kritik an der Systemimmanenz sei ein Abgesang auf das deutsche Stadttheater, vermutet der Professor aus Hildesheim.

Theater und Migration

Ein Thema, welchem sich das deutsche Stadttheater mit Erfolg annimmt, ist Theater und Migration. Schneider und Faltz luden im vierten Theatergespräch Azar Mortazavi, Dramatikerin aus Berlin und Rusen Kartaroglu, Theaterpädagoge mit Schwerpunkt ‚Interkulturelle Arbeit', ein, dies zu diskutieren. Schnell wurde deutlich, dass für eine interkulturelle Arbeit auch interkulturelle Kompetenz unabdingbar ist. Bei Autoren wie Mortazavi führt diese biografisch implementierte Kompetenz aber schnell dazu, ihre Stücke auf das zu reduzieren, was man mit dem kulturellen Hintergrund der Autorin verbindet. Nicht selten fragt man sie dann: „Ist es denn wirklich so schlimm?", wenn sie über Rassismus oder das Unverstandensein in Deutschland schreibt. Dabei spielt ihr biographischer Hintergrund, wie bei anderen Künstlern, selbstverständlich auch für sie eine Rolle. Entscheidend ist aber, dass darüber hinaus etwas zum Ausdruck kommt. Warum sollte das Thema Migration nur eine bestimmte Bevölkerungsschicht betreffen? Geschichten, die von Migration erzählten, können auch so genannte ‚Herkunftsdeutsche' berühren. Es gibt großartige Stücke, die sich nicht gezielt dem Thema Migration widmen und doch in außergewöhnlicher Weise über Fremdheit, Flucht oder Ausgrenzung reflektierten. Diesen Themen und Stücken aber eine feste Spielplanposition zu verschaffen lehnt Faltz ab. Mit Quoten oder festen Plätzen im Spielplan einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe ihr Recht zu verschaffen, hält er nicht für zielführend. Entscheidender sind die Fragen: Für welches Publikum, in welcher Stadt spielen wir? Was muss hier angesprochen werden? Und diese Fragen müssen in Marburg anders beantwortet werden als beispielsweise in Berlin-Neukölln. Kartaroglu ist da anderer Meinung: „Ich wünsche mir, dass die Theater mehr Autoren mit Migrationshintergrund an die Häuser holen und ihre Stücke spielen". Diese Menschen können ihre Geschichten so direkt und authentisch erzählen wie niemand anderes und trotzdem sind sie an deutschen Theatern noch immer eine Seltenheit. Nun meldet sich eine Dame aus dem Publikum zu Wort und bringt ihr Problem auf den Punkt. Zu viele kämen im Theater nicht vor. „Weder auf, noch vor der Bühne". Die Spaltung unserer Gesellschaft macht vor und auch auf der Bühne nicht Halt, das sei die Realität.

Schauen wir also über den Tellerrand und fragen, wie kann das deutsche Theater vom Ausland lernen? Das deutsche Theater ist in der Krise. Finanzielle Kürzungen, strukturelle Probleme und kulturpolitische Uneinigkeit. Doch klagen die deutschen Theatermacher da nicht auf hohem Niveau? Die Gastgeber und ihre Gäste Alexander Leiffheidt, Kenner der britischen Theaterszene, Rob Vriens, Regisseur aus den Niederlanden, verließen im fünften Theatergespräch die Insel der Verwöhnten und stellen fest, dass es auch dort nicht rosig aussieht. In den Niederlanden wurden 25% der Fördermittel gekürzt, in Großbritannien 30%. Doch der Protest gegen diese Sparpolitik fiel in beiden Ländern buchstäblich sparsam aus. Für Faltz ist das Entwickeln gemeinsamer Fragestellungen wichtiger als die finanzielle Diskussion. Für ihn bieten Koproduktionen einen Weg zum Erfahrungsaustausch, indem man andere Arbeitsstrukturen kennenlernt. Die andere und noch weit bekanntere Möglichkeit ist der Austausch durch internationale Gastspiele. Und hier knüpft die Frage an, warum in letzter Zeit so viele hochinteressante Produktionen gerade aus dem Ausland kamen? Vielleicht findet sich ein Grund in den flexibleren und durchlässigeren Strukturen der jeweiligen Theaterlandschaften. Vorgegebene Arbeitsstrukturen haben unweigerlich Einfluss auf die Arbeitsweise. Stehen den deutschen Theatermachern vielleicht gerade diese festen Strukturen entscheidend im Weg? Sind die Institution Stadttheater und der Ensemblegedanke gar hinderlich für die Reform des Theaters?

Alle Gespräche in Marburg brachten Fragen auf den Tisch, die Theoretiker genauso wie Theaterpraktiker und die Kulturpolitik beschäftigen. Das mag manchmal unbequem sein, dafür aber umso notwendiger. Das Bestehende zu verteidigen, gelingt nur durch dessen stetige Entwicklung. Mit dem Formulieren von Fragen an das Theater, seine Infrastruktur, seine Themen, seine Denker und Dichter ist der erste Schritt getan. Ob sich strukturell etwas ändert ist letztlich Sache von Künstlern und Politiker. Vielleicht ist man irgendwann so klug zu sagen, man brauche nicht achtzig Opernhäuser, sondern siebzig und verwandle die übrigen z.B. in Laboratorien für Musiktheater. Das Theater ist bedroht, zum einen durch die ökonomische Zwangslage der Kommunen und zum anderen durch die Angst vor Veränderung. Glücklicherweise sind Visionen für die Darstellende Kunst alles andere als rar gesät. Doch diese Visionen brauchen einen starken kulturpolitischen Partner, das zeigten die Hessischen Theatergespräche in Marburg.

Hannes Oppermann studiert Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis an der Universität Hildesheim.