Der„Faust“ 2011 – Der Tragödie erster Teil

Der „Faust" ist aus. Was bleibt, sind die Preisträger_innen und ihre üblichen (Dankes-)Reden und Glückwünsche. Positionierungen in kulturpolitischen Diskursen blieben dagegen die Ausnahme in der Veranstaltung zum Theaterpreis „Faust", den das Feuilleton gerne leicht verächtlich als „Oscar der deutschen Theaterwelt" tituliert. Draußen campte die Occupy Bewegung und drinnen verlieh man Edelmetall in Wagner-Kulisse. Die Chance, den Rahmen eines derartigen Treffens auch als Diskursplattform für kulturpolitische Fragestellungen zu begreifen, wurde wieder einmal verschenkt.

Dabei bot der Preis durchaus Anlässe, um über Theaterpolitik zu streiten. Die scheidenden Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth, die forderte, dass das Theater ästhetisch mehr wagen und lieber „grandios scheitern" als im „Mittelmaß enden" solle, könnte man zum Beispiel mit der Frage begegnen, wie das möglich sein soll, wenn die Theater gleichzeitig dauerhaft um ihre Gelder bangen müssen und jeder nicht verkaufte Platz die Freiräume für Experimente beschneidet.

Wohl auch deshalb unterstrich Regisseur Stefan Kimmig die Wichtigkeit der Institution Stadttheater. Kimmig betonte dabei die große Bindungskraft eines festen Ensembles, das Nähe zur Stadt herstelle und so für das Theater interessiere, während durchreisende freie Gruppen nur einen kleinen Kreis von Spezialisten ansprechen könnten. Hier irrt er allerdings, der Preisträger; denn nur allzu oft haben insbesondere freie Gruppen die Funktion übernommen, als Theater der Stadt zu fungieren. Recht hat er, wenn er von einer „oft kruden Mischung" spricht, die sich abends in den Theatern zusammen finde und gerade diese Diversität der Besucherstrukturen „eine gesellschaftliche Chance und Mög­lichkeit" nennt, „für die wir kämpfen müssen und werden, und die wir brauchen, und die uns gut tut."

Auch Martin Wuttke bezog sich in seiner Rede auf das Ensemble, dessen wichtiger Einfluss bei seiner Auszeichnung zum besten Darsteller 2011 gar keine Würdigung finde und sprach von einem „Missverständnis". Theaterproduktionen entstehen nur durch die enge Zusammenarbeit eines Teams. Doch auf eine Kategorie wie „Beste Produktion", in der eine außerordentliche Teamleistung geehrt würde, wartet man vergeblich. Der „Faust" fördert mit seinen Preiskategorien also vornehmlich ein Starsystem a la Hollywood, das die einzelnen Künstler aus ihren Produktionskontexten löst.

Nach der Preisverleihung ist vor der Preisverleihung. Es bleiben Fragen: Warum bezieht sich dieser „Deutsche" Theaterpreis, der laut dem Präsidenten des Bühnenvereins Klaus Zehelein die Theaterlandschaft in seiner ganzen Breite feiern möchte, eigentlich nur auf das Stadttheater, behandelt das Kinder- und Jugendtheater so stiefmütterlich mit nur einem von zehn Preisen und lässt das Freie Theater gänzlich aus, als seien dies Randphänomene? Verhindert das Fehlen einer herumreisenden und unabhängigen Jury nicht die Entdeckung wirklich überraschender Preisträger_innen? Und sollte nicht der Kulturellen Bildung, besonders der Theaterpädagogik, auch ein eigener Preis zugesprochen werden?

Statt nur die im Bühnenverein organisierten Theater abstimmen zu lassen, könnte man das Publikum selbst an der Nominierung beteiligen, indem in allen Institutionen Vorschläge gesammelt würden. Auch die Preisvergabe könnte sich stärker gegenüber der Stadt öffnen, in der sie stattfindet. Statt nur in einem elitären Kreis zusammenzukommen, könnte man die Veranstaltung mit einem Festival der nominierten Produktionen koppeln und so anderes und neues Theater in der Stadt vorstellen. Man könnte den Preis aber auch regionalisieren und so statt eines gesamtdeutschen Preises eine Auszeichnung schaffen, die sensibel für unterschiedliche Kulturlandschaften ist und auch das Freie Theater als selbstverständlichen Bestandteil mit aufnimmt. Dem Bekanntheitsgrad des Preises würde dies sicher nicht abträglich sein.

Der „Faust" muss konzeptionell weiter entwickelt werden. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich um keinen Geldpreis handelt, ist seine Funktion die Unterstützung der Nominierten und Preisträger_innen, die sich durch die Auszeichnung ein vielfältiges Netzwerk schaffen und profilieren können. Aber welche Auswirkungen hat der Preis tatsächlich auf den Theaterbetrieb, wenn vor allem bereits gefeierte und bekannte Preisträger_innen ausgezeichnet werden? Der Preis könnte eine ganz neue Legitimation erfahren, wenn er stattdessen unbekannte Talente und junge Kulturschaffende in ihren Arbeiten unterstützen würde.

Der einzige Zweck des „Faustes" scheint es momentan zu sein, mit etwas Glamour Aufmerksamkeit für die Stadttheaterszene zu inszenieren. Es ginge aber auch anders, lieber Deutscher Bühnenverein! Mit „Faust II" wäre 2012 ein neues Werk möglich.