Geballter Faust - Glosse

Kürzlich in einer Münchner Inszenierung stellten sich die Figuren auf der Bühne einander vor: alles große Tenöre, Dirigenten, Regisseure. Schließlich deutete einer ins Publikum und fragte: "Und wer ist das?" Die Antwort: "Eine weltberühmte Zuschauerin."

Am Samstag in der Frankfurter Oper, bei der sechsten Verleihung des Theaterpreises Der Faust, den der Deutsche Bühnenverein mit der Kulturstiftung der Länder und der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergibt, gratulierte sich zur Abwechslung nicht nur die Branche. Sie zeichnete auch eine weltberühmte Zuschauerin aus - Erika Fischer-Lichte, Theaterwissenschaftlerin und Autorin von "Die Semiotik des Theaters". Darin beschreibt sie den Bühnenraum als hochtourig laufende Zeichenmaschine und den idealen Betrachter als Sherlock Holmes: Er entschlüsselt und horcht zugleich aufs Geheimnis.

Was hat es dann zu bedeuten, dass der Faustpreis aussieht wie ein Goldbarren, der auf der Kippe steht, als würde er gleich fallen? Eine Anspielung auf den schwelenden Streit um die Stadttheater, die im Vergleich zur angeblich innovativeren freien Szene überfinanziert seien? Stephan Kimmig, der für seine Inszenierung von "Kinder der Sonne" am Deutschen Theater Berlin ausgezeichnet wird, lässt das vermuten: Ein wenig lustlos rattert er eine Fundamentalverteidigung des Stadttheatersystems herunter, die immerhin mit hübschen Passagen à la "Dann brüllt eben die Stille!" aufwartet. Oder will der Preis an die Finanzkrise gemahnen? Draußen vor der Tür, kaum dreißig Meter entfernt von der Selbstfeier des Theaters, campieren die Demonstranten von "Occupy Frankfurt" rund um das leuchtende Euro-Symbol.

Moderator Michael Quast befragt lieber das Rednerpult: ob es ein "Mahnmal ontologischer Widerständigkeit" sei oder ein "postmodernes Dispositiv". Das muss man nicht verstehen, wie so oft im Theater, es reicht zu lachen. An diese Regel hält sich auch Martin Wuttke, der erwartungsgemäß den Preis des besten Darstellers erhält. Er lobt seine Mitnominierten, zwei Damen aus dem Frankfurter Ensemble, und zitiert Heiner Müller: "Erfolg beruht auf Missverständnis." In diesem Sinne nehme er den Preis für seine Rolle des Jacques Duval in René Polleschs "Schmeiß Dein Ego weg!" an der Berliner Volksbühne gern entgegen. Den Preis für das Lebenswerk bekommt der Regisseur Wolfgang Engel, der 1987 in Dresden das erste "Warten auf Godot" in der DDR durchboxte. Johannes Schütz wird für seine grandiose Bühne für Karin Beiers Kölner Jelinek-Triptychon "Das Werk/ Im Bus/ Ein Sturz" geehrt. Ein Wunder, bekennt er, bestehe die Bühne doch vor allem aus stürzenden Wassermassen und "Reinigungstechnologie". Aber darum geht es doch! Theater ist nicht nur eine Zeichen-, sondern auch eine Seelenwaschmaschine

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