Under Construction - Theater sind Kunstorte, die sich immer wieder neu definieren müssen. Ein Plädoyer für den Umbau des Theaters zum Laboratorium

Das Jahr 1970 führte den Kopiergerätehersteller Xerox Corporation in eine tiefe Krise. Der Patentschutz für sein wichtigstes Verfahren, die Xerograie, lief ab, und man fürchtete, wesentliche Marktanteile an die japanische Konkurrenz zu verlieren. Um die Vormachtstellung im Bereich Bürotechnologie zu behalten, musste Xerox neue Technologien entwickeln und ging dazu einen un- gewöhnlichen Weg: Das Unternehmen engagierte eine Gruppe junger Wissenschaftler und richtete für sie mit dem Palo Alto Research Center eine Art Forschungspark ein. Die Idee dieses Laboratoriums war, dass jeder der jungen Wissenschaftler ohne Vorgaben seine Ideen frei entwickeln konnte – in einer Atmosphäre des Austauschs und der Kollaboration: „Die Atmosphäre war wie elektrisiert, es herrschte totale Freiheit. Es gab keinen gesunden Menschenverstand, fast jede Idee wurde als Herausforderung angesehen und regelmäßig hinterfragt." (John Warnock). Der Fehler: Das Management von Xerox griff von den zahlreichen Erfindungen, die dort gemacht wurden, nur jene auf, die etwas mit Fotokopieren zu tun hatten, vor allem die Ideen des Laser- und des Farbdruckers. Andere Ideen wie Prototypen für graische Benut-zeroberlächen, das Konzept tragbarer Computer, Videobearbeitungssoftware und die Maus wurden nicht weiterentwickelt. Gäste von außen, die in das Labor eingeladen wurden, wie Steve Jobs oder Bill Gates, nahmen diese Ideen auf, transformierten sie zu ihren eigenen und entwickelten sie zur Marktreife. Xerox hingegen war zu fixiert auf seine eigenen Produkte und dadurch nicht in der Lage, das Potenzial der Erindungen einzuschätzen.

Laut dem deutschen Bühnenverein gibt es in Deutschland 140 Stadt- und Staatstheater sowie Landesbühnen. All diese Häuser sind vergleichbar organisiert: relativ große Apparate, die mit einem Ensemble, Werkstätten und vielen weiteren Abteilungen sehr autark von Kooperationspartnern, zusätzlichen Geldgebern oder Zulieferern neue Produktionen erarbeiten und im Repertoirebetrieb spielen können. Das deutsche Stadttheater arbeitet strukturell aus einem geschlossenen System heraus, hat all seine Produktionsmittel vor Ort. Seine vordringliche Aufgabe war es immer, Theater für die Bürger der eigenen Stadt zu produzieren. Die ganze Organisation ist darauf ausgelegt, jeden Abend den Vorhang hochgehen zu lassen, gegebenenfalls auch auf mehreren Bühnen. Das System und all seine Abläufe sind genau festgelegt, es funktioniert, es läuft rund. Es ist in Deutschland flächendeckend vorhanden, weltweit ist es einzigartig und wird international bestaunt wegen der Selbstver- ständlichkeit, mit der in so vielen Kommunen Geld für Theater bereitgestellt wird. Der künstlerische Output ist enorm, die Qualität durchmischt, das Potenzial gigantisch. Doch sobald sich neue Aufgaben auftun – internationale Kooperationen, Tourneen, Kooperationen mit unterschiedlichen Partnern, Projekte in der Stadt oder künstlerische Bedürfnisse nach anderem Personal als dem vorhandenen –,produzieren Größe und Unbeweglichkeit der Theater Strukturprobleme. Tourneen sind organisatorisch schwer durchzuführen, da dann Teile des Ensembles für den Repertoirebetrieb zu Hause fehlen, die begleitende Entourage ist zu groß und zu teuer für die einladenden Häuser, da am Stadttheater hochgradig arbeitsteilig gearbeitet wird. Zudem fehlt häufig die internationale Vernetzung, die Voraussetzung ist für eine Internationalisierung. Projekte im Stadtraum werden zu kompliziert und aufwendig gedacht, Produktionen mit der freien Szene sind selten, weil die Mittel fehlen, aber auch weil Ästhetiken und Arbeitsweisen doch sehr unterschiedlich sind.

Es geht ein Gespenst um im deutschen Stadttheater: das Gespenst, international nicht mehr konkurrenzfähig zu sein. Die Angst, dass die Schwestern und Brüder aus der freien Szene besser sein könnten, zumindest in puncto Innovation und Diskurshoheit. „Früher setzten noch die Tanker wie Burgtheater, Thalia Theater Hamburg, Münchner Kammerspiele, Berliner Volks- bühne die Standards. (...) Die das System legitimierende Kategorie der ästhetischen Qualität beindet sich schon seit geraumer Zeit auf der Wanderschaft mit dem Ergebnis, dass plötzlich die finanziell Unterprivilegierten im theatralen Ring das Sagen haben" (Frank Raddatz). Und tatsächlich brechen die letzten Instanzen der Deutungshoheit ein, wenn selbst das Theatertreffen Berlin, das legendäre Showcase der Stadt- und Staatstheater, plötzlich freie Produktionen einlädt. So geschehen im Mai 2011.

Aktuell wird eine umfassende kulturpolitische Debatte geführt, ob unsere Theater zeitgemäß sind. Diese Debatte spielt sich vor dem Hintergrund von Kürzungsvorhaben in Zeiten knapper Kassen ab. Braucht eine Stadt ein Theater, wo Schwimmbäder geschlossen werden, Kindergärten gefährdet sind, soziale Einrichtungen am Abgrund stehen? Ja, wir brauchen unsere Theater: als Orte der intensiven künstlerischen Arbeit, der exzessiven Verausgabung, der Verschwendung in Zeiten der Ökonomisierung, als Kunsträume, als Schutzraum für das gesellschaftliche und künstlerische Experiment, als Orte der gemeinschaftlichen Erfahrung und des Austauschs mit dem Publikum, als kritische Orte im Herzen unserer Städte. Das Theater hat das Potenzial, ein utopischer Ort zu sein. Für Politiker sollte man vielleicht eher sagen: Das Theater kann Zukunft mitgestalten.

Künstlerinnen und Künstler suchen ohnehin neue Themen, Formen und Arbeitsweisen: Gintersdorfer/Klaßen arbeiten seit Jahren zwischen Deutschland und der Elfenbeinküste mit einem vorbildlichen transkulturellen Ansatz künstlerisch an einem System der Übersetzung zwischen den beiden Kulturen. Das Schwabinggrad Ballett inszenierte mit spontanen Interventionen in unter- schiedlichen Stadträumen Hamburgs die Gentriizierungsdebatte musiktheatral, während die Performerinnen von She She Pop in „Testament" ihr Thema in den eigenen Familien inden. Und Rimini Protokoll überzieht mit seinen forschenden Dokumentartheaterprojekten sowieso die halbe Welt, keine Truppe in Deutsch- land hat die Durchlässigkeit der Grenzen zwischen Staatstheatern und Produktionshäusern dabei so sehr beeinlusst wie sie.

Das System des deutschen Stadttheaters ist unbedingt erhaltenswert, jedoch auch renovierungsbedürftig. Deshalb ist es erstaunlich, dass der Vorschlag von Matthias von Hartz, ein Stadttheater modellhaft zu einem gut ausgestatteten internationalen Produktionshaus umzustrukturieren, derartige Wellen schlägt, obwohl das deutsche Stadttheater doch noch nicht – wie von Antje Vollmer vorgeschlagen – zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Ist das deutsche Stadttheater unantastbar? Um neue Formen und Inhalte zu entwickeln, braucht es lexible Strukturen, eine anregen- de Atmosphäre, Freiräume, Zeit, eine Öfnung der Theater. Und es braucht eine Organisation, die auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren kann und ofen ist für ein Nebeneinander unter- schiedlichster Arbeitsweisen. Das kann und muss in der Struktur verankert werden. Wir sollten die Theater stärker öffnen für Künstler aus anderen Kulturen und anderen Sparten. Theater sind Kunstorte, Orte, die sich immer wieder neu definieren müssen – das unterscheidet sie vom Museum. Und sie sind öfentliche Orte, an denen sich die Bewohner unserer Städte begegnen, in einen kritischen Austausch treten und sich immer wieder aufs Neue befragen müssen. Es gibt die Chance, ein System zu schaffen, das Verbindungslinien zwischen künstlerischen Arbeiten, aktivistischen Projekten und aktuellen Diskursen herstellt, in Komplizenschaft mit den beteiligten Künstlern und einem aktiven Publikum. Das Theater zum Laboratorium zu erklären und ofen für seine Ergebnisse zu sein – das ist das, was wir von Xerox lernen können.