Ein Stadttheater der Zukunft - Das neue Theaterhaus Jena arbeitet am Modell

„Wir brauchen ein Modellhaus in Deutschland, das anders als die gängigen Theater funktioniert. Kein Stadttheater mit einer Nebenspielstätte für das Besondere, keine weitere freie Spielstätte mit zu wenig Geld – sondern ein starkes Haus." fordert Freie-Szene-Kurator Matthias von Hartz im Arbeitsheft von Theater der Zeit „Heart of the City". Das kleine Theaterhaus Jena, gerade erst zwanzig geworden, hat seit der Spielzeit 2011/2012 ein neues Leitungsteam, das mit Goethes „Urfaust" am 24. November 2011 seinen Einstand feierte. Ist es da zu viel verlangt, das „starke Haus" im Sinne des Freie-Szene-Kurators von Hartz zu sein? – Das Theaterhaus hat gerade auf struktureller Ebene eine experimentelle, „anarchistische" Tradition, stelltw Egberth Tholl am 30.11.11 in der Süddeutschen Zeitung heraus. Aus finanzieller Not wurde in den 90ern ein Gesellschafter-Modell entwickelt, das mit einer basisdemokratischen Orientierung auch in künstlerischen Fragen einherging. Die neue fünfköpfige Künstlerische Leitung, in der keiner älter als 30 ist, knüpfe nun, so Tholl, an die „anarchistischen Anfangszeiten an".

Der Thüringischen Kunstminister sieht „keine Grenzen, nur finanzielle". So ist das Theaterhaus Jena, doch gerade dazu angehalten, neue Wege in der deutschsprachigen Theaterlandschaft zu beschreiten. Ob sich diese strukturelle Offenheit und Flexibilität auch auf die Qualität der Inszenierungen auswirkt, konnte man dann bei dem „Urfaust", inszeniert vom leitenden Regisseur Moritz Schönecker, überprüfen. Und wurde, geht es nach den Kritiken, eher enttäuscht. Während sich Henryk Goldberg von der Thüringer Allgemeinen gut unterhalten fühlt („Ernsthaft und unironisch, [...], sehr eindrücklich, sehr intensiv, sehr gut") sah Ralph Gambiler auf nachkritik.de „Viele Einfälle, wenig Ideen". Frank Quilitzsch fragt in der Thüringischen Landeszeitung: „Wo ist das Subversive, aus dem vor 20 Jahren das Theaterhaus Jena entstand?"

In der Tat stellt sich die Frage, warum gerade das Theaterhaus Jena keine zwanzig Kilometer entfernt vom renommierten Nationaltheater Weimar mit der Inszenierung eines Goethe-Dramas seine neue Intendanz eröffnet. Wie kann in dieser Konkurrenz das Theaterhaus Jena seine Relevanz behaupten? Dabei muss noch nicht einmal der Sinn einer ernsthaften, sorgfältigen Sprechtheaterinszenierung bezweifelt werden, auch der in der Thüringischen Landeszeitung geforderte „politische Stachel" klingt eher nach einem Relikt aus den Siebzigern oder des Berliner Ensembles von heute, als ein Kriterium für ein Stadttheater der Zukunft.. Es steht nicht in Frage, dass Schönecker mit seinen „guten Schauspielern" und „Technik, die begeistert" (Quilitzsch) offenbar ästhetisch auf der Höhe der Zeit ist. – Aber warum das alles in Jena? Um das oben genannte „starke Haus" zu sein, reicht es wohl kaum aus, sich ohne viel Geld in einer Stadttheaterlandschaft zu behaupten und den ästhetischen Status Quo eher zu manifestieren, als ihn herauszufordern.

Betrachtet man, was das Theaterhaus Jena neben seinen Inszenierungen vorhat, ergibt sich ein anderes Bild. Hier offenbart sich die strukturelle Arbeit, die das neue Team im Vorfeld vor Ort geleistet hat. Unter den Namen Kinderhaus und Jugendhaus zeigen sich zahlreiche ambitionierte Vermittlungsprogramme und Produktionsformate, unter dem schwülstigen Titel „Zorniger Engel" gibt es Diskussionsformate und einmal im Monat eine Mischung aus Volksküche und Open Stage. Ob sich das alles dann, wie auch die zumindest interessant klingenden Ankündigungen der weiteren Inszenierungen, einlöst, bleibt abzuwarten. Aber ein Bewusstsein dafür, was ein modernes Theaterhaus für seine Stadt leisten kann, ist deutlich zu erkennen: Nähe zum Publikum durch intensiven Austausch mit städtischen Institutionen, ein Teammodell für die künstlerische Leitung, Kooperationen mit renommierten Gruppen der Freien Theaterszene. Modellhaft für ein Stadttheater der Zukunft wäre es gewesen, auch die Eröffnungsinszenierung als Chance eines Weiterdenkens der Funktion und Form von Theater zu begreifen.