Die Kunstfreiheit der Anderen - Blackfacing in Berlin

Kategorie: Das Stadttheater - Reif für Reformen
Veröffentlicht am Montag, 16. April 2012 22:51

"In meiner Gedankenwelt ist absolut kein Platz für Rassismus" ist der erste Satz des Statements von Dieter Hallervorden, den er anlässlich des kontrovers diskutierten Theaterstücks "Ich bin nicht Rappaport", welches im Schlosspark Theater im Januar 2012 Premiere hatte, äußert. Das Theaterstück "I am not Rappaport" des amerikanischen Autors Herb Gardner spielt im New Yorker Central Park und handelt von zwei älteren Herren, ein jüdischer Amerikaner und ein Afroamerikaner, die sich auf einer Parkbank über ihre gemeinsamen Erfahrungen des Alterns austauschen und im Laufe des Stückes anfreunden.

Die Plakate, die im Vorfeld der Premiere in Berlin ausgehängt waren, zeigen Dieter Hallervorden mit seinem allseits bekannten "Blödelgesicht" und einen schwarz-geschminkten Joachim Bliese mit einem ebenfalls "dämlichen" Gesichtsausdruck und weit aufgerissenen Augen. Bereits im Dezember hagelte es beim Schlosspark Theater empörte Briefe, die dann im Januar vor allem über die Facebook-Seite des Schlosspark Theaters zu einer wahren Flut der Empörung ausuferten. Die Kritik bezog sich auf das theatrale Stilmittel des "Blackfacing", also des Schwarzschminken des weißen Darstellers und die damit verbundene kulturelle Konnotation der rassistischen Maskerade, die am ausgeprägtesten in den Minstrel Shows des 19. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten vorzufinden war.

Neben den Stellungnahmen, die die Theaterleitung des Schlosspark Theaters veröffentlichte, kamen viele Feuilletonisten zu Hilfe, so unter anderem Gerhard Stadelmaier in der FAZ vom 10.01.2012: "Am Berliner Schlossparktheater spielt ein Weißer einen Schwarzen. Das soll rassistisch sein. Warum fordern wir nicht gleich, dass Hamlet von einem Dänenprinzen gespielt wird? Auch kann der Darsteller des Hamlet ein Badener oder ein Hottentotte sein, er muss nicht dem dänischen Königshaus angehören, um den Dänenprinzen über die Rampe zu bringen. Und wer den venezianischen Mohrengeneral Othello spielt, muss kein Schwarzer sein, um, schuhwichsenverschmiert unter tollsten Schweißfontänen wie einst der große Ulrich Wildgruber (Hamburg, 1976) den dunkelsten Super-Außenseiter hinzulegen. Diese Harmlosigkeit geht seit mehr als vierzig Jahren über alle möglichen deutschen Bühnen."

Stadelmaier möchte in seinem Artikel verdeutlichen, dass es auf den Theaterbühnen nicht um authentische Besetzungen geht, sondern um die ästhetische und künstlerische Interpretationsfreiheit. Anstelle dessen polemisiert er jedoch, spricht von "Hottentotte" und "Mohrengeneral" und vom Othello als den "dunkelsten Super-Außenseiter", als ob die Hautfarbe im Theater den Grad der Bösartigkeit der Figur zum Ausdruck bringen soll. Zudem, so schreibt Stadelmaier weiter, sei "Rappaport" eine "Harmlosigkeit", womit schon von Vornherein klar sein müsste, dass kein Rassismus intendiert sei. Mit seiner buchstäblichen Verharmlosung des Inhalts versperrt er sich einer Kritik an der Form der Darstellung. Nur weil der Inhalt von "Rappaport" trivial ist, wird das Stilmittel "Blackfacing" harmlos? Und nur weil in den letzten Jahrzehnten kein Bewusstsein bei den deutschen Theatermachern für die rassistische Form des Schwarzschminkens bestand, ist daher auch keine Kritik berechtigt? Eine solche Argumentation verfolgt zumindest das Schlosspark Theater in seiner Stellungnahme: "Rappaport ist seit etwa 25 Jahren auf dem Spielplan deutscher Bühnen und x-mal wurde die Rolle des schwarzen Midge von einem Weißen gespielt.
 Wo ist 2012 das Problem, das es bis 2010 nicht war??"

"Doch kann das, was nicht rassistisch gemeint ist, trotzdem rassistisch sein?" fragt Hadija Haruna in Der Tagesspiegel vom 11.01.2012. und weiter fragt sie: "Und: Ist das, was früher als rassistisch galt, auch heute noch so? „Eine lange Tradition schließt Rassismus nicht aus, im Gegenteil, oft sind es diese Traditionen, die ihn weitertragen", sagt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche. Sie lehrt am Hamilton College in New York und forschte unter anderem zu Blackfacing im deutschen Kulturraum. „Durch das Schwarzschminken wird unfreiwillig gezeigt, dass die Hautfarbe und die damit verbundene Rassismuserfahrung für die Authentizität dieser Rolle wichtig ist. Doch diese Erfahrung kann nur nachvollziehen, wer selbst schwarz ist", sagt die Schauspielerin Lara-Sophia Milagro. Sie ist die Gründerin von „Label Noir", einem Zusammenschluss schwarzer Schauspieler in Deutschland.„Die Geschichte des Rassismus wird fortgesetzt, wenn man weiße Schauspieler schwarz schminkt – auch wenn sie den Charakter nicht ausdrücklich minderwertig darstellen", sagt Milagro."

Die Fronten bleiben weiter verhärtet. Mathias Heine stellt in Die Welt vom 10.01.2012 letztlich die Kunstfreiheit über die vermeintlichen "Gefühle" von Afrodeutschen: "Auf der anderen Seite junge Menschen, meist mit Migrationshintergrund, die sich nicht von verständnislosen Weißen vorschreiben lassen möchten, wann ihre Gefühle verletzt zu sein haben und wann nicht.

Mag sein, dass davon die Gefühle mancher Afrodeutscher verletzt worden wären. Doch bislang rechtfertigte man dieses Risiko mit der Heiligkeit der Kunstfreiheit. Denn die Grundlage des Theaters ist, dass dort Menschen so tun, als wären sie jemand anderes, und dass sie dann manchmal Dinge zeigen, die nicht allen gefallen."

"Denken wir die Vorwürfe zu Ende: Darf Hallervorden einen Juden spielen, obwohl er kein Jude ist?
" fragt das Schlosspark Theater in seiner Stellungnahme als Hinweis darauf, dass die Darstellung des jüdischen Nat in "Rappaport" durch einen Nicht-Juden - Dieter Hallervorden - nicht als rassistisch empfunden wird. Diese Gegenfrage ist berechtigt und warum beschwert sich niemand darüber? Nun, vor siebzig Jahren während des Dritten Reiches wäre ein Jude auf deutschen Theaterbühnen noch mit Hakennase und einem Judenstern dargestellt worden. Dieses "theatrale Stilmittel" verschwand von den Bühnen aufgrund des kollektiven Bewusstseins für diese zutiefst rassistisch-motivierte Stereotypisierung und würde nun auf keiner Bühne ohne Kritik geduldet werden. Jeder würde anerkennen, dass es sich dabei nicht nur um die Verletzung von Gefühlen handelt, sondern um die Würde der "Betroffenen". Das deutsche kollektive Bewusstsein verändert sich stetig und sicherlich ist es auch nur eine Frage der Zeit bis die jungen "Menschen mit Migrationshintergrund", jene Positionen in der deutschen Gesellschaft einnehmen, um endlich Teil der Definitionsmacht zu sein und mitentscheiden zu dürfen, was Kunst ist und wann nur Gefühle angesprochen werden und wo doch ihre Würde angegriffen wird.