Provinz - Publikum - Persönlichkeiten

In der Grenzstadt Konstanz ist das älteste Stadttheater Deutschlands immer schon Verhandlungsort gesellschaftlicher und politischer Strukturen. Der Sammelband zum 400jährigen Bestehen des Theaters Konstanz ist keine einheitliche Abhandlung der Historie des Hauses oder der ästhetischen Schwerpunkte der einzelnen Etappen, sondern vielmehr ein Sammelband, der Zeitzeugen, Experten und Begleiter des Theaters zu Wort kommen lässt. Fotos und Zeichnungen aus den vier Jahrhunderten des Theaters, eine nahezu komplette Auflistung des Spielplans und persönliche Anekdoten der Beteiligten - von der Garderobenfrau zum Intendanten - rahmen die verschiedenen Beiträge. Als Stadttheater steht dabei stets die Verknüpfung von Stadt- und Theatergeschichte im Mittelpunkt.

Neben den historischen Schilderungen über die Ursprünge als Schultheater des Jesuitenordens im 17. und 18. Jahrhundert und der Umwandlung in ein Stadttheater, in dem  Wandertheatergruppen die Themen des gesellschaftlichen Umbruchs des 19. Jahrhunderts auf die Bühne brachten, widmen sich die meisten Beiträge vor allem der jüngeren Geschichte des Theater Konstanz. Neben den strukturellen und ästhetischen Auswirkungen der  Nazizeit auf das Theater stehen dabei immer wieder die Persönlichkeiten der einzelnen Etappen im Vordergrund. Dabei liegt das Augenmerk überwiegend auf den einzelnen Intendanten und Regisseuren, von denen viele selbst auf ihre Zeit in Konstanz zurück blicken.

Zwischen Provinzialität und Avantgarde

Trotz dieser unterschiedlichen Blickwinkel kristallisiert sich in allen Beiträgen ein klares Bild heraus: das Theater Konstanz ist durch und durch als Stadttheater ein Theater der Stadt. Und in diesem Selbstverständnis hat es sich zum Einen stets den Bedürfnissen und Wünschen der Konstanzer Bürger angepasst und zum Anderen versucht, auf künstlerischer Ebene mehr zu bieten als das klassische Provinztheater.

Von jeher öffnete sich die Stadt dem experimentierfreudigen, politisch am Puls der Zeit agierenden Theater, welches Intendanten wie Kraft-Alexander zu Hohenlohe-Oehringen, Hans J. Ammann, Rainer Mennicken oder Ulrich Khuon mitbrachten, um so der Stadt Konstanz ein Stadttheater zu bieten, welches in seinen ästhetischen Ansprüchen weit über dem Standard einer Provinzstadt lag. Gleichzeitig schlug in politisch bewegten Zeiten, wie den 1968ern, stets die provinzielle Seele der Stadt durch, indem sie konservativere Intendanten wie Wilhelm List-Diehl einstellte. Diese Reaktion auf die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Stadt in den Besetzungsfragen des Theaters verdeutlichen den Dialog mit dem Publikum, welcher seit jeher einen wichtigen Teil der Konstanzer Theaterarbeit ausmachte, wie Gernot Mahlbacher als Vertreter der  Publikumsorganisationen bestätigt: „[…]das Publikum [hatte] immer das Gefühl: Ich werde hier ernst genommen, und wenn ich was sage, ans Theater schreibe, bekomme ich eine Antwort.“ (S.191)

Nah am Publikum

Dieses „Brückenbauen“ (Strasser, S. 178) welches seit den 70er Jahren in Konstanz betrieben wird, sorge dafür, dass sich aus dem Spielplan eine für die Region eigene Sprache entwickelte, worin Ammann das Gegenteil zur Provinzialität sieht: „Nichts ist provinzieller, als das was überall hinpasst […]“ (S. 124) Und Khuon schließt sich ihm an, wenn er das „Hineingehen in die Stadt“ (S. 137) als wichtiges Anliegen betont, um der Funktion des Theaters als Ort gesellschaftlicher Kommunikation gerecht zu werden.

Felix Strasser, seit 2007 Direktor des jungen theater konstanz, hebt darüber hinaus die Bedeutung der Theaterpädagogik hervor, welche "[…]die Schnittstelle für ein gemeinsames Nachdenken über ästhetische, politische und literarische Fragen"(S. 178)  sei. Besonders in einer Provinzstadt wie Konstanz mache diese Form der Vermittlung einen wichtigen Teil der Theaterarbeit aus, wolle man nicht nur reine Unterhaltungsstücke bieten, sondern auch zur allgemeinen kulturellen und ästhetischen Bildung der Zuschauer beitragen, so der Konsens seit den 1980er Jahren. Seither steht Konstanz mit seiner langjährigen Kinder- und Jugendtheaterarbeit, gekrönt durch eine eigene Spielstätte und ein eigenes Ensemble im Jahr 1990, auch in dieser Hinsicht den großen Häusern der deutschen Theaterszene in nichts nach.

Rainer Mennicken bestärkt dieses Bild, wenn er im Rückblick auf seine Intendanz feststellt, dass das Theater Konstanz es geschafft habe, „(…) ein Ort der Begegnung und der Bereicherung von Lebensqualität“ (S. 145) zu sein und zu bleiben. Im Laufe der Jahre wurde diese Festigung vor allem durch Proteste gegen Schließungen und Kürzungen und die Offenheit gegenüber neuen experimentellen Formen und Kooperationen von Seiten des Publikums deutlich, wodurch sich „ […]das Theater als treibende Kraft im kulturellen Leben der Region heraus [stellte].“ (S. 142). Daher fordert Mennicken die zuständigen Kulturpolitiker auf, auf diese Position des Stadttheaters zu vertrauen und es als solches ernst zu nehmen, anstatt nur auf finanzielle Töpfe und prestigeträchtige Großprojekte zu schauen. Ein weiterer Aspekt, den Mennicken hervorhebt, ist die Bedeutung des Ensembles, als gemeinschaftliches künstlerisches Entscheidungsteam, in das sich der Intendant genau so einzugliedern habe, wie die Techniker. Diese Tendenz werde durch die geringe Größe der Stadt bedingt, so dass jeder Schauspieler und Regisseur, aber auch die Kritiker als Personen des öffentlichen Stadtlebens bekannt seien.

11 Thesen zur Reform des deutschen Theaterwesens

Intendant Christoph Nix, dessen aktueller Vertrag noch bis 2016 läuft, knüpft an dieses Strukturkonzept an und stellt abschließend „11 Thesen zur Reform des deutschen Theaterwesens“ (S.220) auf, in denen er festhält, dass das Theater durch den Verlust seiner Rolle als Leitmedium, ständig kulturpolitischen Kürzungen zum Opfer falle und dadurch seine Funktion als „[…]Orte [die] Gemeinsinn stiften konnten“ (vor allem in Provinzstädten wie Konstanz) nicht mehr ausfüllen könne. Nix fordert daher, „die Theaterkunst als emanzipatorische Kraft zu achten bis in den letzten Winkel der Republik.“ (S. 222), womit er vor allem eine faire Auseinandersetzung über Tarifverträge, Gagen, Arbeitszeiten und Sozialversicherungen für alle Mitarbeiter des Theaters und eine demokratisierte, transparente Wahl des Intendanten meint. Nur so könne eine Grundlage für das geschaffen werden, wozu Nix alle am Theater beteiligten aufruft: „Kämpft gegen das Mittelmaß und den künstlerischen Kompromiss!“

Christoph Nix, David Bruder, Brigitte Leipold (Hg.):  HIER WIRD GESPIELT! - 400 Jahre Theater Konstanz. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2007.