Klein und kraftvoll - 20 Jahre Theater der Stadt Aalen

Während Anfang bundesweit die Kulturetats gekürzt werden, gründet sich 1991 in einer Stadt in der schwäbischen Provinz ein neues Theater mit eigenem Ensemble. Von den stürmischen Anfängen bis zu den aktuellen Entwicklungen des Stadttheaters Aalen berichtet nun ein reich bebilderter Jubiläumsband. Das von Schauspieler und Autor Stefan Keim herausgegebene, knapp hundert Seiten starke Buch ist vor allem eines: Chronik des Aufstiegs eines Ausnahmetheaters.

Aalen kommt dem geneigten Theaterbesucher sicher nicht als erstes in den Sinn, wenn von einem fortschrittlichen und kritischen Gegenwartstheater die Rede ist. Der im „Verlag Theater der Zeit GmbH" erschienene Band will dem nun Abhilfe schaffen. Das Layout vermag den geneigten Leser schon mal zu packen - die Form ist dem theatralen Inhalt angepasst.

Immer weiter entwickelte Vielfalt im Spielplan

Innerhalb von 3 „Akten" werden die inszenatorischen Schwerpunkte im Rahmen der jeweiligen Intendanzen erläutert und mit Interviews, Portraits und einer großen Anzahl von Fotografien der einzelnen Inszenierungen ergänzt. Viel erfährt man von den avantgardistischen Anfängen in der Theaterprovinz unter dem Gründungsintendanten Udo Schoen und seinem Schwerpunkt auf gewagte Gegenwartsstücke, die dem oft theaterfernen Publikum mangels Finanzmitteln an damals noch kaum als Inszenierungsort genutzten Industriebrachen präsentiert wurden. Viel erfährt man auch von den auf Schoen folgenden Intendanzen unter Simone Sterr und Katharina Kreuzhage und der damit verbundenen Beibehaltung des inszenatorischen Fokus auf „schwierige Stoffe" (Sterr) bzw. der Ergänzung des Kanons mit klassischen Inszenierungen (Kreuzhage). Differenziert werden zudem die Umsetzungen der Schwerpunkte der jeweiligen Intendanten in der Praxis geschildert, sodass sich eine immer weiter entwickelnde Vielfalt im Spielplan feststellen lässt. Die Aufführungen werden intensiv besprochen, was nötig ist, um ein Profil sichtbar zu machen, und noch intensiver bebildert, was einen relativ großen Teil des Bandes einnimmt. Da hätte man sich an manch anderer Stelle eine thematische Vertiefung gewünscht, wo doch schon interessante Ansätze vorhanden sind. Manchmal sagen Worte mehr als Bilder!

Zudem tauchen neben den Portraits honoriger Wegbereiter- und Begleiter nur drei relativ kurz gehaltene Interviews mit Mitgliedern des künstlerischen Teams auf, wo den Gesprächen mit Sterr und Kreuzhage, der Intendanz geschuldet, ein großer Rahmen zugesprochen wird. Sicher ist das verständlich, aber hier hätte ein erweiterter Fokus auf die ausführenden Kräfte das Bild des Theaters der Stadt Aalen als Labor für kritische Theaterarbeit noch um wichtige Nuancen erweitern können. Das gilt übrigens ebenso für Punkte in der Geschichte des Theaters, die Konfliktpotenzial bergen, aber nur am Rande erwähnt werden, wie beispielsweise die Umstände der Intendantenwechsel Schoen/Sterr.

Die Finanzfrage bleibt relevant

Das insgesamt jedoch wohlreflektierte Bild des Aalener Stadttheaters bekommt durch die immer wieder angerissene Finanzierungsproblematik auch kulturpolitische Relevanz und bildet so die prekäre Mittelvergabesituation aller Theater ab, auf Länder- ebenso wie auf Bundesebene.

Obwohl solch ein Jubiläumsband meist nicht der richtige Ort für Diskursfragen ist, überrascht und erfreut es umso mehr, dass Keim in einer den Verdiensten der Verantwortlichen und des Ensembles angemessenen Form doch auch den Raum für einige kritische Gedanken findet, wo sich viele andere ganz im Lob verlieren würden. Und das ist ja im Sinne der Aalener: Klein und kraftvoll und dabei die Gegenwart bebildern und wenn nötig, auch ein bisschen „tabula rasa machen".

"Klein und kraftvoll: Zwanzig Jahre Theater der Stadt Aalen" von Stefan Keim ist im Verlag Theater der Zeit erschienen und kostet 10 Euro.