Es geht um Kinder. Es geht um Theater. Es geht um ein Haus. Dem KinderTheaterHaus Hannover zur Neueröffnung.

Seit 1987 existierte in Hannover ein mobiles Kinder- und Jugendtheater, dessen Name sich im Verlauf seiner Jahre zu einer Marke in der Region entwickelt hat. Das Klecks-Theater, das sich selbst als eine Art Volkstheater verstand, wurde nun nach 23-jährigem Bestehen in ein neues Kindertheaterhaus umgewandelt. Mit einem Betrag von knapp 1,75 Millionen Euro ist das Alte Magazin seit September 2010 aus städtischen Mitteln saniert worden. Am 04.11.2011 wurde es eröffnet.

Zu Beginn der Sanierungsmaßnahmen im Herbst 2010 hieß es im Selbstverständnis des Klecks-Theaters noch, dass es gerade im Jugendbereich dringend erforderlich sei, regelmäßig Produktionen herauszubringen. Seit dem Tag seiner Neueröffnung nennt es sich nun KinderTheaterHaus Hannover und hat sich – wie schon im Namen ersichtlich – von der Jugend verabschiedet. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Abgrenzung in der Altersstruktur der Zuschauerinnen und Zuschauer, sondern vielmehr um einen theaterpolitischen Fingerzeig. In Hannover soll damit nun darauf hingewiesen werden, dass auch Kinder selbstverständlich ein Recht auf kulturelle Teilhabe, auf eine eigene Öffentlichkeit und auf persönliche Auseinandersetzung mit künstlerischen Werken haben. Das Kindertheater wird mit dieser Spielstätte, seinem Team, seinen theaterpädagogischen Plänen zu einem Teil der Kulturlandschaft in Hannover und Region. Es war auch höchste Zeit!

Bereits seit Jahrzehnten haben viele Theater im Bundesgebiet die Notwendigkeit gesehen, verschiedene Modelle institutionalisierter, einem jungen Publikum verschriebener Theater zu entwickeln. Das Theater im Marienbad Freiburg, das Helios Theater Hamm oder das Theaterhaus Frankfurt am Main sind hierbei keine Einzelfälle. Während dort bereits die Kommunal- und Landespolitik zu festen Partnern gemacht wurden, entsteht endlich auch im Bundesland Niedersachsen eine solches Modell.

Das Theater für Kinder hat ein grundsaniertes, schönes Haus. Eine Infrastruktur. Das ist nicht nur ein Bekenntnis, es bedeutet zugleich Planungssicherheit und meint eine Anerkennung der künstlerischen Arbeit. Alles was nun folgt, wird sich in diesen Mauern manifestieren, wird eine identitätsstiftende Marke weiter etablieren, wird zur Anlaufstelle des Publikums. Das bereits seit längerem gemeinsam arbeitende Team wird nun für die kommenden zwei Jahre von zwei freien Theaterpädagogen unterstützt.

Das KinderTheaterHaus positioniert sich als Institution im Querschnittsbereich: mehr als regelmäßige und qualitativ hochwertige Arbeiten für die Altersgruppe der 3- 12-Jährigen sollen in einem KinderTheaterHaus angeboten werden, um den jungen Zuschauern die Teilnahme zu ermöglichen. Denn in einem KinderTheaterHaus – so scheint die Quintessenz – steht nicht der Bühnenraum im Vordergrund, sondern das Verhältnis von Zuschauenden und Spielenden, von Publikum und Produzierenden. Dazu bedarf es gemeinsamer Projekte, die disziplinübergreifend konzipiert sind und die gleichberechtigt neben den Produktionen stehen. Als zukunftsweisend könnten die künstlerischen Projekte in Kooperation mit ansässigen Schulen genannt werden, in denen Fragen der (Selbst-)Bildung und Ästhetik gemeinsam gedacht und behandelt werden sollen. Das gilt zum Beispiel für die Idee des Theaterlabors, in dem 40 Kinder einer kooperierenden Schule gemeinsam mit Künstlerinnen und Künstlern in 7 Laboren über mehrere Wochen hinweg zu einem gegebenen Thema des Alltags arbeiten und die möglichen Ergebnisse in einer Werkschau präsentieren. Die Themen sollen in der künstlerischen Auseinandersetzung an Komplexität verlieren, Mut zur aktiven Gestaltung des eigenen Lebens machen und neue Wahrnehmungsmöglichkeiten eröffnen. Für die Sommerferien 2012 ist der erste Durchlauf in Kooperation mit der Glocksee-Schule Hannover zum Thema 'Schokolade' geplant.

Im Allgemeinen solle die Theaterpädagogik jedoch nicht als Erziehungsmethode verstanden werden sondern als künstlerische Zusatzdienstleistung, betonen die zuständigen Theaterpädagogen Günter Kömmet und Tomke Friemel. Sie verstehen ihre Arbeit eher als einen Freiraum zum Experimentieren, charakterisieren die geplanten Projekte durch das Schlagwort 'Mut zum Risiko'. Eine bewusste Fokussierung auf das gleichberechtigte Miteinander von Künstlerinnen, Künstlern und dem jungen Publikum, die Gleichwertigkeit im Programm von Inszenierungen und theaterpädagogischen Projekten sollen Alleinstellungsmerkmale dieses Modells sein. Wenn also das Prinzip 'KinderTheaterHaus' heißt, dass der Theaterpädagogik künstlerische Eigenständigkeit zugeschrieben wird, wieso erhält gerade dieser Bereich nur eine einmalige Projektfinanzierung über den Zeitraum von zwei Jahren? Wie sollen Kooperationen langfristig angelegt werden, wenn nicht gesichert ist, dass dieser Bereich nach den anfänglichen zwei Jahren bestehen bleibt?

Die während der Eröffnungsfeierlichkeiten von allen Rednerinnen und Rednern vorgetragene ideelle Unterstützung, eine scheinbare Sensibilisierung seitens der Kommunalpolitik zugunsten der Förderung einer Kulturpolitik für Kinder, kann zwar als positives Zeichen für die Zukunft der Theaterlandschaft in Deutschland gewertet werden. Doch eine Erzeugung von Aufmerksamkeit und Sensibilisierung sind bei Weitem nicht ausreichend. Erst in Verbindung mit einer kontinuierlichen Finanzierung können nachhaltige Prozesse in Gang gesetzt werden, deren Wirkungen in Folge auch weit über die Stadtgrenzen, vielleicht sogar über die Bundeslandgrenzen hinaus reichen könnten. Auf die Worte Taten folgen lassen, müsste nach der Eröffnung das Motto lauten. Auch Eckhard Mittelstädt, Geschäftsführer des Landesverbandes Freier Theater in Niedersachsen e.V., bekräftigte in seiner Rede diese Forderung. Die Frage lautet doch: Wie ernst kann man eine Kommunal- und Landespolitik nehmen, deren Überzeugung heißt 'die vielbeschworene Zukunft dieser Gesellschaft liegt in den Händen unserer Kinder', die jedoch der benannten zukunftsweisenden Bevölkerungsgruppe nicht diejenige Unterstützung in Bildung, Persönlichkeitsentwicklung und Freizeitgestaltung angedeihen lassen, derer es bedarf und die es wünscht?

In Zeiten pluralisierter Lebensformen und daraus entstehenden Entscheidungs- und Entwicklungsfragen – sollte ein Kindertheater, dass sich der permanenten Verquickung von Besuch und eigenen Erfahrungen verschrieben hat, stärker beachtet werden. Dr. Gerd Taube, Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland, hob in seiner Rede zur Eröffnung das Modell des Kindertheaterhauses als ein zukunftsweisendes hervor: Es sei die aktive Teilhabe aller Beteiligten, deren Mehrwert gegenüber traditionellen Institutionen in der künstlerisch-pädagogischen Begleitung und dem zweck- und konsequenzlosen Spiel bestehe.

Die Maxime des KinderTheaterHauses könnte also mit 'spielerisch erfahren und erleben' zusammengefasst werden. Es hat die Chance, im Erproben und Experimentieren Visionen der (persönlichen) Zukunft und Utopien des Theaters gemeinsam zu entwickeln. Zugleich lebt dieses KinderTheaterHaus – so denn seine Konzeption in der Arbeit eine Entsprechung findet – von den Kommunikationsknotenpunkten zwischen den Generationen. Das Theater lebt vom Austausch. Der Vorgang, der Prozess und die Aneignung bilden den Kern. Das ist das Credo des künstlerischen Intendanten. Eben dies wolle er fördern. Um des angestrebten Prozesses mächtig zu werden, sollen in Zukunft nicht nur hervorragend ausgebildete Künstlerinnen und Künstler im KinderTheaterHaus arbeiten, sondern es sollen zugleich eine Förderung junger Regisseure und eine stärkere Vernetzung mit der freien Szene Hannovers etabliert werden. Durch diese Kooperationen soll die permanente Reflexion, künstlerische und ästhetische Abwechslung und flexible Struktur des KinderTheaterHauses bewahrt und verstärkt werden. Zugleich wird das Alte Magazin zu einer festen Anlaufstelle für freie Gruppen und Produktionsteams. Wie diese Kooperationen genau aussehen sollen, ist derzeit allerdings noch nicht bekannt.

Doch dann das: Leiter Harald Schandry und der Philosoph Dr. Gerhard Stamer gaben bei den Eröffnungsfeierlichkeiten eine Einschätzung, was zukünftig in den Mauern des fast 100-jährigen Gebäudes seinen Anfang finden soll: eine traditionsbewusste, kultige Stätte soll das KinderTheaterHaus werden, in dessen Räumen politisches, pädagogisches und ästhetisches Theater gemeinsam gedacht und die Ansätze und Ästhetiken verknüpft werden sollen. Es solle eine einseitige, festgefahrene Konzeption verhindern.

Die jungen Besucher – unverdorben, noch abhängig von Eltern und Institutionen, so unbeschwert, aber zugleich doch defizitär – sollen in dieser Stätte eine Öffentlichkeit finden, in der in Freiheit und Spiel experimentiert und Erfahrungen gemacht werden können. Mit Liebe soll ihnen begegnet werden, so Stamer im Prolog zur Eröffnung: Liebe gegen die Unvollkommenheit, aber Achtung und Respekt vor ihrer Freiheit. Die Polarität der genannten Attribute sei es, die eine energetische Spannung für das Spiel im Kindertheater ausmachten und ihm so zu Authentizität und Relevanz verhelfen könnten.

Das Kind wird hier nicht mehr verstanden als gleichberechtigter Partner des Erwachsenen, sondern als defizitäres Mängelwesen auf dem Weg zu Unabhängigkeit, Kompetenz und Willensgenerierung. Den angestrebten Dialog in einem solch starken Neigungswinkel muss man schon im Voraus als gescheitert betrachten. Hier öffnet und schließt sich das Paradoxon. Wenn die Überwindung der Defizite nur im gleichberechtigen Miteinander von Künstlerinnen, Künstlern und dem jungen Publikum möglich ist, das Kindertheater jedoch selbst dieses Miteinander in seinem Grundverständnis von Kindheit nicht trägt, wie sollen dann in der Zukunft diese Defizite überwunden worden sein? Wie kann Harald Schandry dann bei der nächsten Eröffnung vor seinem erwachsenen Publikum erklären, das anwesende erwachsene Publikum habe zwar sein inneres Kind behalten, dessen Defizite aber bereits überwunden?

Die künstlerische und pädagogische Praxis wird zeigen, wie sehr das junge Publikum wirklich ernst genommen wird.