"Die engagierte Arbeit der Freien Theater würdigen und unterstützen!"

Das Festival Theaterpreis der Niedersächsischen Lottostiftung.
2008 kommt es endlich auch nach Hildesheim. Zwei Rückblicke und ein Ausblick

Die niedersächsische Lottostiftung hat sich nicht die etablierte Kultur als Adressat der Förderung ausgesucht, sondern richtet sich vor allem an Theatergruppen, die der so genannten Freien Szene angehören, also keinem staatlichen Theater angeschlossen sind und bisher nicht regelmäßigen Subventionen rechnen können.
Das Zitat in der Überschrift von Reinhard Scheibe, Vorstandsvorsitzender der niedersächsischen Lottostiftung, verdeutlicht dass die Stiftung eben jene freie Kultur – die durch ihren experimentellen Ansatz und ihre innovativen Arbeitsweisen Beachtung gefunden hat – fördert und projektweise finanziell unterstützt.

Schon seit 1994 liegt der Förderschwerpunkt der Stiftung bei den freien Gruppen. Zusätzlich wird seit 1997 jedes Jahr, im Rahmen eines Festivals, ein Theaterpreis mit einem Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro verliehen. Im jährlichen Wechsel geht der Preis an das so genannte Erwachsenentheater und das Kinder- und Jugendtheater. Nicht nur die Höhe des Preisgeldes, die im Vergleich zu anderen Preisen im Bundesgebiet sehr hoch liegt, sondern auch der kontinuierliche Wechsel und damit die planmäßige Gleichberechtigung von Theaterstücken für Kinder- und Jugendliche, sowie Theaterstücken für Erwachsene durch die Stiftung sind besonders hervorzuheben.

Jedes Jahr werden sechs Gruppen eingeladen. Voraussetzung ist, dass sie ihren Sitz in Niedersachsen haben und dort als professionelle freie Theatergruppe aktiv sind. Eine Programmjury, wählt aus, wer bei dem Festival Wochenende in einer jährlich wechselnden niedersächsischen Stadt mit dem gewählten Stück für den Preis antreten darf.
Vor Ort entscheidet dann eine Preisjury aus bundesweit aktiven und angesehenen Theatermachern über die Empfänger der Auszeichnung.


DAS FESTIVAL 2005
Im Dezember 2005 wurde das Festival für Erwachsenentheater in Oldenburg ausgetragen. Die Aufführungen verteilten sich gleichmäßig auf die Kulturetage sowie das Theater Wrede/ theater fabrik rosenstraße. Von 23 Bewerbern wurden folgende sechs Gruppen ausgewählt und eingeladen:
UnitedOFFproductions, Braunschweig, „Die Lichtung, auf der wir bleiben werden, erstrahlt im Sonnenlicht“, produktion für Theater, Koproduktion mit dem Forum Freies Theater (FFT) Düsseldorf. - Klecks-Theater Hannover e.V. /Hannoversche Kammerspiele, „Welche Droge passt zu mir?“, Eine Einführung von Kai Hensel. - Theater „fensterzustadt“, Hannover; „Ich, Ich, Ich“, Ein Kaleidoskop des alltäglichen Wahnsinns. - Theater Aspik, Hildesheim, „Tati Time“, poetisch, komisch, Jaques Tati. - Compagnie Fredeweß, Hannover; „Crazy Colour“, Ein Tanzstück. - Theater M21; Göttingen; „Zucker zerschlagen“, nach Motiven aus den Erzählungen von A.L. Kennedy.

Starke Bilder für Egozentrik
Die Preisjury bestand aus: Floriana Sommerauer, Schauspielerin, Hannover; Peter Japtok, Theaterbeirat der Stadt Hannover; Andreas Frane, derzeit leitender Dramaturg für Schauspiel, Oldenburgisches Staatstheater; Amelie Deufelhard, Künstlerische Leiterin der Sophiensaele, Berlin und Ludwig Zerull, Journalist und Kulturkritiker, Hannover.

Sie entschied sich für das Theater „fensterzurstadt“ aus Hannover, welches mit der Inszenierung „Ich, ich, ich“ die Auszeichnung und das volle Preisgeld erhielt. Die Entscheidung wurde damit begründet, dass mit der Inszenierung ein gesellschaftsrelevanter Themenkomplex behandelt wurde und die Gruppe Bilder gefunden hat, mit denen jeder etwas anfangen kann. Egoismus, Narzismuß, Egozentrismuß aber auch Selbstironie wurden deutlich und die Spielfreude der Spieler, sowie die Kraft der Darstellung waren für die Jury ausschlaggebend.

Geringer Austausch - Wenig Gäste
Während des Festivals 2005 fand unter den Gruppen nur wenig Austausch statt. Lediglich eine Theatergruppe hielt sich das gesamte Wochenende über in Oldenburg auf und sah sich auch die anderen Vorstellungen an. Die meisten Gruppen reisten nur für die eigene Aufführung an und kamen dann erst zur Preisverleihung am Sonntagabend wieder. Daher war ein Austausch unter den Gruppen kaum möglich, zu welchem sich ein solches Festival sehr gut eignet und dafür genutzt werden könnte.
Die Resonanz war generell nicht sehr groß. - Bis auf das Fachpublikum, Vertreter der Lottostiftung und die Mitarbeiter der beiden Häuser, war kaum Publikum aus dem freien Verkauf anwesend. Dies ist sehr bedauerlich, zeigt aber leider auch, wie wenig Aufmerksamkeit ein Festival mit eher unbekannten Gruppen erhält. Trotz der Versuche, es umfassend, beispielsweise im Oldenburger Lokalblatt, zu bewerben, gelang es nicht, mehr Zuschauer zu gewinnen.

DAS FESTIVAL 2006
2006 wurde das Festival für den Theaterpreis im Kindertheaterbereich zum wiederholten Mal im theaterpädagogischen Zentrum in Lingen ausgerichtet. An einem Oktoberwochenende konnten sechs Gruppen ihre Theaterstücke für Kinder bis 14 Jahre zeigen. Aus 25 Bewerbern wurden die folgenden Gruppen ausgewählt:
Theater der Nacht, Northeim, „Der Vogelkopp“, von Albert Wendt. Ein Figurenspiel für Kinder ab 10 Jahren. - Werkgruppe 1, Hildesheim, „Tölpel Hans – Eine Operette“, nach einem Märchen von H.C. Andersen, für Kinder ab 7 Jahren. - Theater Fata Morgana, Hildesheim, „Die Reise nach Brasilien“, ein Theaterstück nach Daniil Charms, für Kinder ab 5 Jahren. - Figurentheater Fadenschein, Braunschweig, „Die kleine Zauberflöte“, ein kleines zauberhaftes Märchen mit viel Musik für Kinder ab 4 Jahren. - Figurentheater Filou Fox, Hannover, „Tom Sawyer & Huckleberry Finn”, nach Mark Twain für Kinder ab 6 Jahren. - Theater Metronom, Visselhövede, „Adrian und Lavendel“ nach dem gleichnamigen Buch von Albert Wendt. Ein Theaterstück für Kinder ab 5 Jahre.

Hildesheimer Ensemblearbeit überzeugt

Die Preisjury bestand aus: Norbert Rademacher, ehemals Leiter des TPZ; Ludwig Zerull, Theaterkritiker aus Hannover, und Annett Israel, Mitarbeiterin im Berliner Büro des Kinder- und Jugendtheaterzentrums der Bundesrepublik Deutschland. Sie entschied sich, den Preis ungleich zu teilen. So konnten gleich zwei Ensembleproduktionen aus Hildesheim mit dem Theaterpreis der Niedersächsischen Lottostiftung ausgezeichnet werden.

Der Hauptpreis mit 15 000 Euro ging an das Theater Fata Morgana für das Stück „Die Reise nach Brasilien“.
Aus der Begründung: „Mit unbändiger Spiellust gelingt es den drei Schauspielern, die Reise zweier Freunde in das Land der Fantasie, das hier „Brasilien“ heißt, erneut für ein Kinderpublikum zu erzählen. Dabei wechselt das Drei-Mann-Ensemble gekonnt die Ebenen von Erzählen und Spielen, Darstellen und Klarmachen. Drei Stühle und wenige Alltagsdinge werden für die Zuschauer zu Zeichen, mit denen das ersehnte ferne Land und seine Bewohner kraft der eigenen Imagination entstehen. Wesentlich unterstützt wird dies auch durch die geradezu artistische Klangerzeugung auf der Gitarre.“

Die Werkgruppe 1 erhielt für die neuartige Weise in der das Märchen vom „Tölpel Hans“ umgesetzt wurde einen mit 5000 Euro dotierten Anerkennungspreis.
Aus der Begründung: „Die Jury versteht dieses Preisgeld als Auszeichnung für ein junges Ensemble, das frische Zugänge zur Theaterkunst für Kinder sucht. Dabei zeigt die Werkgruppe 1 wie eine Gruppe von einer Spielerin und drei Spielern mit rhythmisch-musikalischen Mitteln gemeinsam eine Geschichte erzählen kann. Gekonnt und fantasievoll gehen sie mit ihren Instrumenten um und zitieren auch mit Worten und Gesten Figuren herbei, um sie wieder in den Erzählfluss einzureihen.“


Theater als Kulturvermittlung
Als „besonderes Ausrufezeichen“ hielt Professor Dr. Wolfgang Schneider bei der Eröffnungsveranstaltung einen Vortrag. Hierin hob Schneider die Wichtigkeit der ästhetischen Bildung und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Schulen und Theatern hervor. Er nannte erste Erkenntnisse die aus einer jüngst in Hessen durchgeführten Studie hervorgehen. Diese Bestandsaufnahme über das gegenwärtige Verhältnis zwischen hessischen Schulen und Theatern wurde von der ASSITEJ im Auftrag der LAG Südwest und in Zusammenarbeit mit dem hessischen Kultusministerium durchgeführt.
Für diese Studie wurden insgesamt 1060 Schulen befragt. Sie ist bisher die einzige, bei der das Verhältnis zwischen Schule und Theater so deutlich beleuchtet und dokumentiert wird.

Ästhetische Bildung umfasst sowohl die wahrnehmende als auch die gestaltende Auseinandersetzung mit Kunst. Neben den Begegnungen der Schüler mit der Theaterkunst wurden daher auch deren Theateraktivitäten erfasst.
Die drei Bereiche, nach denen gefragt wurde waren demnach die Entwicklung des Faches Darstellendes Spiel, die Wahrnehmung der Angebote der professionellen Theater, sowie die Kooperationen zwischen den Theatern und den Schulen.

Wie Schneider an einzelnen Thesen erläuterte, wurde durch die Studie unter anderem erkennbar, dass sich der Stellenwert von Theater in den Schulen in den letzten Jahren schon sehr verbessert hat. Auch wenn es noch nicht als Schulfach verankert ist, hat Theater an Bedeutung gewonnen.
Der Zusammenhang zwischen Bildungsgrad, Schulform und Kulturinteresse wurde durch die Studie belegt, wobei ebenfalls deutlich wurde, dass bei den Haupt- und Realschulen das Potential und der Wunsch nach Kooperationen am höchsten ist, auch wenn an der Begegnung mit der Theaterkunst eher geringes Interesse besteht.
In den Grundschulen ist der Theaterbesuch fast fester Bestandteil des Stundenplans. Den eigenen Theateraktivitäten wird dagegen nicht so viel Relevanz zugesprochen, auch wenn sie verbreitet anzutreffen ist.

Die Tendenz, dass beispielsweise bei Gastspielen meist das günstigste Angebot den Zuschlag erhält, ist nicht unterstützenswert. Vielmehr sollte die Qualität der Kunst im Vordergrund stehen und die Bezahlung des angemessenen Preises ermöglicht werden, wie Schneider hervorhob.

Insgesamt hat die Studie mehr Klarheit über die momentane schulische Situation in Hessen in Bezug auf Theater gebracht. In seinen konkreten Handlungsanweisungen forderte Schneider auch für Niedersachsen eine solche Erhebung, um den derzeitigen Stand evaluieren zu können. Außerdem verlangte er die Verankerung von Theater in der Schule selbst, als reguläres Fach, sowie in der Ausbildung der Lehrer, der Theatermacher und der Theaterwissenschaft.

„Nicht jeder der hinsieht, sieht etwas“, daher muss das Sehen geschult werden, um die Zeichen der Künste entziffern und für sich nutzbar machen zu können. Dass die Kunst auch mit Anstrengung zu tun hat, machte Schneider ebenso deutlich wie die Tatsache, dass durch ein aktives Zusehen ein Erlebnis, eine ästhetischen Erfahrung entstehen kann, die durch kein herkömmliches, reguläres Schulfach ersetzbar ist. Auch die Lottostiftung wurde in die Handlungsempfehlungen einbezogen, indem sie von Schneider zu einer langfristigen Mitfinanzierung des Kindertheaters insbesondere in Verbindung mit Schulen aufgefordert wurde.


„Neue Strukturen für Kinder- und Jugendtheater in Niedersachsen“, Podiumsdiskussion zur aktuellen Lage

Zum ersten Mal fand 2006 im Rahmen des Festivals eine Podiumsdiskussion statt. Hierin wurde über die derzeitigen Strukturen der freien Szene in Niedersachsen, sowie notwendige Veränderungen diskutiert. Auf dem Podium saßen: Kirsten Haß, derzeit Geschäftsführerin des Landesverbandes Freier Theater in Niedersachsen (LaFT); Barbara Kantel vom Schauspielhaus Hannover; Jörg Gade, derzeit Intendant der Landesbühne Hannover und Uli Jäckle vom Theater Aspik aus Hildesheim. Moderiert wurde die Veranstaltung von Ludwig Zerull, dem Kurator der Lottostiftung.
Beim Blick auf die derzeitigen Verhältnisse wurde festgestellt, dass die Arbeit und das Ansehen der Kinder- und Jugendtheater in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben. Auch Kirsten Haß betonte, wie Professor Schneider in seinem Vortrag die Wichtigkeit von kultureller und sozialer Bildung.

Kooperationen zwischen freien Theatern mit institutionalisierten Theatern wurde durchaus positiv bewertet. Jäckle war der Meinung, dass das Kindertheater sich die „große Bühne“ verdient habe. Gade verwies auf das Modell Braunschweig, wo es künftig ein „Junges Theater“ Ensemble geben soll, dass sowohl im Großen, als auch im Kleinen Haus spielen wird. In Hildesheim, wo die Landesbühne in Zukunft ihren Sitz haben wird, werden pro Spielzeit vier Stücke für Kinder- und Jugendtheater angeboten. Diese werden, wie bereits in der Vergangenheit bewährt, in Kooperation mit freien Gruppen produziert. Dies ist ein Modell, das durchaus weiter ausgebaut werden sollte. Gade betonte die „Auswahl“ und die „Qualität“, die Hildesheim in diesem Bezug zu bieten habe.
Auch Barbara Kantel bewertete die Kooperationen positiv. Sie ordnete sie als Belebung der Szene ein und nicht als Konkurrenz. Sie erläuterte das erfolgreiche Konzept Ballhof 1 und 2 aus Hannover.
Kirsten Haß äußerte den Wunsch nach einer guten Zusammenarbeit aller Beteiligten. Die gute Infrastruktur der staatlichen Häuser und die „frischen Inhalte“ und „tollen Ideen“ der freien Gruppen könnten gut zusammenwirken. Dazu Finanzplanungen, die über ein Jahr hinaus gehen, könnte den Boden für ein neues Miteinander bereiten und ein ernst zu nehmendes Kinder- und Jugendtheater in Niedersachsen ermöglichen.

Das Festival 2007
Wurde im vergangenen Jahr noch über Kooperationen gesprochen, so werden sie in diesem Jahr bereits verwirklicht.
Das Festival wird von dem neu gegründeten Theater für Niedersachsen (TFN) und dem Theaterhaus Hildesheim ausgerichtet. Lange schon bestand der Wunsch, das Theaterfestival der Lottostiftung nach Hildesheim zu holen. Es scheiterte aber immer an einem geeigneten Ausrichtungsort. Da das Theaterhaus seit einiger Zeit wieder zu einem zuverlässigen Veranstaltungsort in der kulturellen Landschaft Hildesheims geworden ist, war es nun möglich, das Festival nach Hildesheim zu holen. Zwei Vorstellungen, sowie eine Podiumsdiskussion werden im Theaterhaus stattfinden.
Die Struktur Hildesheims, mit einer Großzahl an Kultur interessierten Studenten und der regen freien Theaterszene wird hier vermutlich zu einer großen Resonanz führen, Was sich ohne Frage positiv auf das Festival auswirken wird.

Das Festival findet statt vom 25.10.-17.10. und folgende Gruppen werden zu sehen sein:
Theater mehrsicht
, Braunschweig „Die Leiden des jungen Werther” Inszenierung: Christian Weiß; nach Johann Wolfgang von Goethe - Theater Aspik, Hildesheim, „King Kong” Inszenierung: Uli Jäckle - Theater Ka, Hannover, „Durst”, Inszenierung: Harald Schandry nach dem Roman von Michael Kumpfmüller - Theater M21, Göttingen, „Ehrgeiz für alle.
Ein Stück über Leben in Deutschland”, Inszenierung: Joachim v. Burchard; nach Hans Fallada - Theater Orlando, Rastede, „Der Trinker”Inszenierung: Mark Spitzauer; nach Hans Fallada - Theater Plan B, Wolfenbüttel, „Hund, Frau, Mann” Inszenierung: Thomas Esser; von Sybille Berg nach der Erzählung „Liebe pur” von Yael Hedaya.

Für das genaue Programm siehe: www.tfn-online.de und www.theaterhaus-hildesheim.de