"Halt die Fresse, wenn du mit mir redest!"

Seit September 2007 hat das schauspielhannover eine eigene Sparte für sein Jugendtheater: das junge schauspielhannover. Hier können sich junge Menschen ab zwölf Jahren mit dem Theater beschäftigen und die Theaterpädagogik sich mit ihnen: Theater sehen und Theater spielen! Gearbeitet wird in verschiedenen Formaten: wöchentliche Treffen, Wochenendworkshops, Kurzprojekte und Langzeitprojekte.

So zum Beispiel das Projekt "Tacheles", das von November 2007 bis April 2008 als ein Teil der Reihe "Theater mobil" realisiert wurde. Bei "Theater mobil" wartet das junge schauspielhannover nicht darauf, dass die Jugendliche an den Ballhof finden, seine Spielstätte im Zentrum von Hannover, sondern das Theater macht sich selbst auf den Weg zu den Jugendlichen: in ihre Stadtteile, Jugendzentren und Schulen. Dort versucht es vor allem mit so genannten 'theaterfernen' Jugendlichen in Berührung zu kommen.

Doch nicht jeder Jugendliche reagiert auf einen solchen Annäherungsversuch mit Gegenliebe: "Vahrenheide bleibt dreckig" war die gesprühte Reaktion in einem der fünf Stadtteile.
Die Angriffsfläche: ein alter, ausgeräumter Wagen der Nationalen Volksarmee (NVA) - davon hatte das junge schauspielhannover jeweils einen in die ausgewählten Bezirke entsandt: Stöcken, Barsinghausen, Badenstedt, Kronsberg und eben Vahrenheide.

Die Wagen waren mit verschiedenen Schlagwörtern überschrieben: "Discounter", "Frauenbase", "Globalstation", "Youthtube" und "Generation ± 16". Behandelt wurden also jugendrelevante Themen - Geschlechterfragen, Generationenkonflikte, Geldprobleme, Migrationshintergründe, Mediennutzung – die man im Vorfeld konzeptionell gebündelt hatte.
Die künstlerischen Leiterinnen des Projektes waren Barbara Kantel, Leiterin der Theaterpädagogik am jungen schauspielhannover, und Miriam Tscholl, Dozentin am Institut für Theater und Medien der Universität Hildesheim.

In den Wagen arbeiteten jeweils zwei Kulturvermittler mit den Jugendlichen, insgesamt kamen sieben 'Betreuer' (sechs davon Absolventen oder Studenten der Hildesheimer Kulturwissenschaften) auf etwa vierzig Jugendliche.

In Gesprächsrunden, durch Schreibaufgaben, oder einfach bei geselligen Abenden in den selbst ausgestalteten Wagen, wurden eigene Themen, Interessen und Ideen gesammelt, Stoffe heraus gefiltert und szenisch verarbeitet. Diese kleinen Inszenierungen kamen zunächst in den einzelnen Wagen zur Aufführung, die Ende Februar alle auf dem Ballhofplatz eintrafen, um die Zwischenergebnisse gesammelt zu präsentieren. Damit war die erste Phase des Projektes abgeschlossen und es begann die zweite: unter der Regie von Miriam Tscholl galt es nun, mit allen Jugendlichen eine abendfüllende Inszenierung auf die Bretter der Ballhof-Bühne zu stellen.

Vierunddreißig Jugendliche waren nach der ersten Phase übrig geblieben: überwiegend Mädels und einige Jungs, von unterschiedlicher Herkunft, Schulform und sozialem Stand.
Noch bunter wurde diese Mischung durch das Kostümbild, das parallel zu den Proben erarbeitet wurde. Dabei hielt man sich ebenso eng an die Erlebniswelt der Jugendlichen, wie bei der gesamten Inszenierung: es kamen keine fremden Stoffe auf die Bühne, sondern alles wurde gemeinsam, in Gesprächen und Übungen, erarbeitet.

Aus einem Pool von Fragen, Aussagen und Sprüchen, die die Jugendlichen im Laufe des Projektes äußerten, konnte reich geschöpft werden. Darunter mehr oder weniger höflich formulierte Aufforderungen wie: "Liebe Rentner, bitte nicht stinken", bis hin zu Zurechtweisungen wie: "Halt die Fresse, wenn Du mit mir redest!", die rüder daher kommen, als sie gemeint sind.
Kommunikation wurde in der interaktiven Inszenierung nicht verweigert, sondern gesucht: während des Stückes gab es beispielsweise eine Runde, in der die Zuschauer den Jugendlichen aus Barsinghausen Fragen stellen konnten. In einer anderen Szene wurde Geld für unterschiedliche Zwecke ersteigert: für einen Urlaub mit dem Freund, für umweltbewusste Autos, für das Ankurbeln der Musikkarriere oder für das eigene Bildungskonto.

Tatsächliche, nicht vor-inszenierte Gespräche, gab es am Ende einer jeden Vorstellung an der Tacheles-Tafel, die zwischen Bühne und Zuschauerraum für ausgewählte Gäste gedeckt wurde: Väter, Lehrer, Sozialarbeiter, Politiker und Polizisten. Hier gab es die Gelegenheit Fragen und Thesen zu diskutieren - bespielsweise: "Ein kleiner Eintrag in die Akte ist hin und wieder ganz okay." Ein Spruch, der lapidar dahin gesagt wird, aber in der Realität weniger komisch ist: mit jedem Eintrag in die (Polizei-)Akte schwinden die sowieso schon raren Chancen auf einen Ausbildungsplatz.

Die Jugendlichen für das Leben stark machen – das wird immer als ein Anspruch von Jugendtheater-Arbeit formuliert – hat "Tacheles" dieses Ziel erreicht? Als Zwischenziel ganz sicher – alle Jugendlichen haben an Selbstsicherheit und Auftrittsstärke gewonnen. Sie steigerten sich während der Proben zu routinierten Spielern, während der Aufführungen zu selbstkritischen Selbstdarstellern und während der Tafel-Runden zu reflektierenden Gesprächspartner. Nicht zuletzt trug der große Erfolg der Aufführungen und die Anerkennung durch Freunde, Eltern und Lehrer zur Steigerung des Selbstwertgefühls bei. Doch wie kann ein solches Hoch-Gefühl in den Alltag der Jugendlichen herüber gerettet werden? Bleibt die Berührung mit dem Theater nur flüchtig, das Gastspiel in der Hoch-Kultur Staatstheater ein einmaliges? Wie kann man die Jugendlichen dauerhaft für die dramatische Kunst gewinnen, sie zu einem Teil ihrer Freizeit machen?

Die Begeisterung muss, wenn sie einmal entfacht ist, gefördert werden - dazu braucht es eine breit angelegte, engagiert und sensibel ausgeführte Jugendtheater-Arbeit. Ein einziger Jugendclub, wie es ihn mittlerweile an fast jeder deutschen Bühne gibt, reicht nicht aus. Das junge schauspielhannover mit seinen verschiedenen Formaten, zahlreichen Projekten und vor allem mit dem Anspruch der Kontinuität geht mit gutem Beispiel voran – möglichst viele Theater könnten diesem Beispiel folgen.

 

"Tacheles" auf www.hannover.de