Starkes Verlangen und Mut - Freie Szene treibt Entwicklung der Theaterkunst voran
Interview mit Regisseur und Dramaturg Werner Mink
Berlin, 04. April 2011 Als einer der zehn Kuratoren für das Deutsche Kinder- und Jugendtheater-Treffen benennt der freie Regisseur und Dramaturg Werner Mink im Interview die Akzente von „Augenblick mal! 2011“. Mink ist unter anderem Juror für den Mülheimer KinderStückePreis 2011. Die Augenblick mal!-Kuratoren haben 310 Aufführungen des Kinder- und Jugendtheaters gesichtet, um anschließend zwanzig herausragende Produktionen zu nominieren. Zehn davon sind vom 14. bis 19. Mai 2011 nach Berlin eingeladen.
FRAGE: Sie sind seit Jahren in der deutschen Theaterszene als Regisseur und Dramaturg unterwegs - wie bewerten Sie die Bedeutung von Augenblick mal! angesichts der Diskussion um kulturelle Bildung in Deutschland? WERNER MINK: Was mich unter dem Begriff kulturelle Bildung in Bezug auf das Theater für Kinder und Jugendliche interessiert ist die Übersetzung von Lebenswirklichkeit in ästhetische Erfahrungsräume, die von den Zuschauern fordert, erweiterte Perspektiven auf die sie umgebende Welt aktiv zu erschließen, zu entschlüsseln sowie kritisch zu hinterfragen. Dies fördert und stärkt zweifelsohne die Kompetenzen der Sinnes- und Sinnwahrnehmung. Indem sich Augenblick Mal! immer wieder auf die Suche nach herausragenden, impulsgebenden aktuellen Inszenierungen begibt, die in der Regel diese Ansprüche auch erfüllen, und indem es das ästhetische Profil und die künstlerische Qualität dieser Theaterform durch Präsentation und Diskurs fördert und mit gestaltet, leistet „Augenblick Mal!“ einen wesentlichen Beitrag zur Debatte über kulturelle Bildung in Deutschland.
FRAGE: „Augenblick mal!“ hat den Anspruch Leistungsschau des Kinder- und Jugendtheaters in Deutschland zu sein. Welche Leistungen sind Ihnen bei der Sichtung für das 11. Treffen besonders aufgefallen? WERNER MINK: Beachtlich war für mich die hohe Leistungsdichte der Jugendtheater-Inszenierungen. Die jetzige Auswahl hätten wir hier leicht um weitere zehn Inszenierungen ergänzen können, die sich nicht nur durch ihren besonderen inhaltlich-ästhetischen, sondern vor allem auch durch ihren spielerischen Zugriff aufdrängten. Dabei fällt die große Zahl von Bearbeitungen klassischer Stoffe auf. Im Kindertheater beobachte ich wichtige Impulse, die verstärkt aus der Freien Szene kommen. Hier ist immer wieder ein starkes Verlangen und auch der Mut spürbar, sich aus Konventionen zu lösen und neue Erzählweisen zu entwickeln.
FRAGE: Regisseur Dominik Günther ist mit seiner Produktion „Frühlings Erwachen - Live fast, die young“ am Heidelberger Zwinger3 gleich auf mehrere nationale und internationale Festivals eingeladen. Was ist das Faszinierende an dieser Inszenierung des Wedekind-Stoffs? WERNER MINK: Dominik Günther steht für mich stellvertretend für die RegisseurInnen im Kinder- und Jugendtheater, die neben ihrer künstlerischen Vision ganz stark auf die Intensität des Spiels der Schauspieler setzen und dies auch befördern können. Die diesjährige Auswahl zeugt vielfach davon. An „Live fast-die young“ faszinierte mich der Reichtum an spielerischen Details, das bisweilen grelle Ausloten der Amplituden der Figuren, die abrupten Wechsel von Momenten höchster Überzeichnung zu Momenten größter persönlicher Not. Gepaart mit einer sehr heutigen Regiehandschrift, die auf überflüssiges Beiwerk verzichtet und die Vorlage konsequent auf die Konflikte und das leidenschaftliche Durcheinander der Jugendlichen reduziert.
FRAGE: Gibt es eine Szene, einen Moment, der Sie persönlich bei der Sichtung der verschiedenen Produktionen besonders berührt hat? WERNER MINK: In „Verrücktes Blut“ gibt es einen Moment, in dem die Schauspieler mit Migrations-Hintergrund ein deutsches Volkslied singen und eine Spielerin dies mit einer Andeutung traditionellen türkischen Tanzes unterlegt. Hier trifft den Zuschauer in einem einfachen, aber wunderbar poetischen Bild die ganze Dimension des Konfliktes, von geforderter Integration und dem Wunsch nach Bewahrung identitätsstiftender eigener Kultur.
FRAGE: Die Vielfalt in der Sparte Theaterkunst für junges Publikum soll während der nationalen Biennale in Berlin präsentiert werden. Wie zeigt sich diese Vielfalt in 2011? WERNER MINK: Die Zahl der unterschiedlichen Formate im Kinderund Jugendtheater ist inzwischen größer als die zu vergebenden Einladungen bei „Augenblick Mal!“. Das macht die Auswahl nicht leichter, vor allem, wenn man das Kinder- und Jugendtheater in seiner Gesamtheit präsentieren will. Auswahlkriterium bleibt aber immer die Qualität. Das führte in diesem Jahr dazu, dass sich im Kindertheater die Vielfalt nicht vor Ort, aber dennoch in der Auswahl der Nominierten widerspiegelt. Im Jugendtheater verhält es sich umgekehrt. Neben Tanz und Figurentheater ist mit „Trollmanns Kampf“ ein bemerkenswertes Beispiel von Partizipationstheater vertreten, das auch mit Mitteln des Dokumentarischen arbeitet.
Hinweis auf: Augenblick mal! 11. Deutsches Kinder- und Jugendtheater-Treffen | 14. bis 19. Mai 2011 in Berlin | Eine Veranstaltung des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland in Zusammenarbeit mit dem THEATER AN DER PARKAUE, Junges Staatstheater Berlin | Gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren,Frauen und Jugend, durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, das Goethe Institut und die Kulturstiftung des Bundes. |

